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Berliner Flughafen: Aus der gescheiterten Krisenrhetorik lernen

Das Debakel am und mit dem Berliner Flughafen ist ein Lehrstück in vielerlei Hinsicht. Eine Analyse der Rhetorik von Klaus Wowereit & Co.
Rüdiger Vogel | 13.02.2013

Rhetorische Fettnäpfchen: Berliner Flughafen

Der Berliner Flughafen ist ein im Scheitern begriffenes Großprojekt - zumindest, wenn es um das Kommunkationsverhalten aller Beteiligten geht. Dass der Bau von Anfang an von einer fast vollständig fehlenden Transparenz gegenüber dem Bürger geprägt war, ist die eine Sache. Aber angesichts der sich dann anbahnenden Krise hätten die verantwortlichen Politiker und Unternehmer die Chance nutzen können, durch intelligent gesteuertes, rhetorisches Auftreten die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen, den Imageverlust in Grenzen zu halten und ein visionäres Zukunftsszenario zu formulieren. Nichts dergleichen ist geschehen - ganz im Gegenteil.

So bleibt eigentlich nur ein positives Resultat, nämlich sich die Krisenrhetorik der Beteiligten als leuchtendes Beispiel für das tägliche Leben vor Augen zu führen, wie man es nicht machen sollte.

Die Welt 2.0 ist aus Glas - darauf muss jeder Redner sich einstellen

Seit klar ist, dass die viermalige Verschiebung des Flughafenbaus noch lange nicht das Ende vom Tunnel ist, hat der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit sich auf eine sehr fragile, rhetorische Krisenbewältigungstaktik verlegt. Um sich weiterhin der Gunst der Wirtschaft zu versichern, hält er auffällig viele Reden zum Thema bei Unternehmerveranstaltungen. Seine Argumentation und Wortwahl scheint dabei so gewählt, als würde es sich um hermetisch abgeriegelte Konversationsräume handeln, zu denen die Presse und damit die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat.

Dieses Verhalten ist absolut unzeitgemäß. Solche diskreten Räume gibt es im Zeitalter 2.0 schlicht nicht mehr. Wer heute eine Rede hält, muss damit rechnen, dass die Welt sie hört. In der Beschreibung des Baufiaskos nutzt Klaus Wowereit das Mittel der Untertreibung, wenn er es ein "mittleres Desaster" nennt. Dies klingt für Unternehmer und Konzernleitungen vielleicht nachvollziehbar, die in Milliardenverlusten denken gelernt haben. Für seine Wähler aber, für den "Mann von der Straße" ist es purer Hohn; schließlich handelt es sich hier um Steuergelder. Untertreibung nutzt nur dann etwas, wenn die Chance der Glaubwürdigkeit besteht.

Aus der stilisierten Opferperspektive sollte niemand Reden halten

Eine weitere rhetorische Schlappe ist der inzwischen zum strategischen Ritual gewordene Versuch von Wowereit, sich und die anderen Verantwortlichen zum Opfer zu stilisieren. Aus der Opferrolle heraus eine Rede zu halten, ist immer problematisch und kann eigentlich nur dann funktionieren, wenn echte Emotionen, wirkliche Verletzungen und eine klare, ethische Ungerechtigkeit vom Zuhörer gefühlt und geglaubt werden. Dann ist es jedoch in den seltensten Fällen dramaturgisch inszeniert. In Wowereits Fall wird ihm die Opferrolle zum rhetorischen Verhängnis. Wenn er etwa im Garten des Schlosshotels im Grunewald vor 1200 Gästen aus Kultur und Wirtschaft sagt "Wenn sich Leute darüber freuen, dass etwas misslingt, das ist ein ganz schlimmer Charakterzug" und kurz darauf beim "Mittelstandsfrühstück" im Capital Club argumentiert, dass "Leute unterwegs sind, die Lust am Misslingen haben, nicht am Gelingen", dann versucht er, die Schuld auf die Medien und Journalisten abzuwälzen und Mitleid zu generieren.

Diese Taktik ist nicht nur moralisch geschmacklos, sondern funktioniert auch rhetorisch überhaupt nicht. Menschen wollen anderen Menschen nicht dabei zuhören, wie sie sich über schlechte Behandlung beklagen; sie wollen hören, dass der Redner diese Behandlung - so sie denn überhaupt existiert - geraden Rückrats ignoriert und weiter für die Wahrheit kämpft. Zuhörer wollen standhafte Helden, keine wehleidigen Opportunisten. Sie wollen keine Formulierungen im Passiv - eine ständige rhetorische Figur in Wowereits Vorträgen - sondern pro-aktive, verantwortungsbewusste "Ich"-Sätze.

Allerdings bitte nicht in der Form wie sie Klaus Wowereit dann in seiner Rede vor dem Parlament gewählt hat. Er hielt es wohl für einen tollen rhetorischen Kunstgriff, die Schuld einfach dem politischen Gegner zuzuschustern. Seine Argumentation: Ich werde jetzt nicht vor der Verantwortung davonlaufen. Das sollte wohl den Eindruck eines Machers erzeugen. Welches Ziel Klaus Wowereit mit diesem Auftritt verfolgte ist nicht bekannt, seine „Taktik“ allerdings war doch arg durchschaubar. Wohl niemand nahm ihm diese Motivation ab. Wenn man diesen Weg wählt, ist vor allem eines wichtig: Das Publikum welches ich anspreche, muss mir diesen „Wandel“ auch „abkaufen“. Wie geht das? Dazu ist es notwendig zunächst einmal sicher zu stellen, dass mein Publikum den deutlichen Eindruck bekommt: Der weiß wovon er redet – er hat die Probleme erkannt – der steht zu seinen Fehlern – er kennt die Ursachen dafür und – jetzt der „Wandel“ – er kennt auch die besten Lösungen und ist der richtige Mann (Frau) dafür, diese Lösungen auch umzusetzen. Im Fall von Klaus Wowereit wäre die Mindestvoraussetzung wohl gewesen, auch eigenes Fehlverhalten deutlich einzugestehen und klar zu machen, was er daraus gelernt hat. Mit dem missglückten Kunstgriff, die Schuld anderen zuzuschieben gelingt dies allerdings so gar nicht.

Schönfärberei ist kein rhetorisches Mittel, sondern eine Unterschätzung des Publikums

Die Unfähigkeit, über die eigene Verantwortung zu sprechen und dies zusätzlich mit kalkulierter Oberflächlichkeit zu kompensieren, ist eine rhetorisch gefährliche Mixtur. Hierzu gehört entscheidend auch die Gestik und Körpersprache, die Wowereit bei Vorträgen oder Diskussionen um den Flughafen an den Tag legt. Er lehnt betont lässig am Pult und geht entspannt über die Bühne. Die Botschaft soll sein: "Das kriegen wir schon hin - sonst wäre ich ja nicht so relaxt". Was ankommt, ist aber: "Ich unterschätze die Lage - sonst könnte ich gar nicht so entspannt sein."

Eine ausgewogene Kombination an Ernsthaftigkeit dem Thema gegenüber und persönlicher Demut erschafft sehr viel nachhaltiger ein Klima von Toleranz und Verständnis, innerhalb dessen dann auch gemachte Fehler diskutiert werden können. Leider unterschätzen vor allem viele Politiker die Macht dieser Einsichtsgesten und glauben weiterhin, die "Massen" seien an selbstkritischen Politikern nicht interessiert und würden nur mit abgemilderten, schönrednerischen Botschaften leben können - ein Urteil, dass sie langfristig nicht selten zu Fall bringt.

Was lernen wir daraus?

In der Rhetorik geht es immer um Wirkung, und die Wirkung soll und muss dem Geschehen angepasst sein. Will heißen: Wenn es darum geht, aus einer schwierigen Situation, einem Desaster wieder die Kurve zu bekommen und nach vorne zu blicken, hilft es nichts, so zu tun als ob nichts passiert wäre - so nach dem Motto: Es wird schon wieder gut werden.
Das hinterlässt lediglich den Eindruck, man verkennt die Lage völlig oder noch schlimmer man nimmt die Sache nicht ernst. Deshalb ist es wichtig, zunächst einmal klar zu machen, dass man sowohl die Lage als auch die Stimmung richtig einschätzen kann. Und falls die Lage mit einem eigenen Fehlverhalten zu tun hat, ist eine ehrlich gemeinte Entschuldigung für das Fehlverhalten eine sehr gute Grundlage für das weitere Vorgehen.

Erst wenn das Publikum mich als ehrlich, glaubwürdig und vor allem auch als sympathisch (und nicht abgehoben arrogant) wahrnimmt, ist es möglich, langsam die „Kurve“ zu nehmen, sprich mein Publikum mitzunehmen und für meine Lösungen, meinen Weg, meine Visionen zu begeistern. Dann werden sie sich aber auch sehr gerne begeistern lassen.