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Für mehr Philosophie in Wirtschaft und Politik (Teil 2)

Unternehmer und Führungskräfte sollten sich unbedingt mehr mit Philosophie als Entscheidungshilfe beschäftigen, z.B. der Güterabwägung und der Fahne.
Ulf D. Posé | 18.09.2013

Herrmann Klaste hat sich schon immer für Philosophie interessiert. Bei seinem Interesse ist es nicht geblieben, er hat viel gelesen über Philosophie, philosophische Entwicklung und verschiedene Teilbereiche der Philosophie. So kam es, dass er sich mit Ethik, Moral und sittlicher Verantwortung befasste. Auch aus der Philosophie stammende Entscheidungshilfen lernte er kennen. Besonders interessiert haben ihn zwei Techniken:
1. Die Güterabwägung und
2. die Ars construenda vexilla, die Kunst eine Fahne zu bilden.

Mittels der zweiten Technik bereitet er nun seine Entscheidungen vor. Er trifft sich mit seinen Managern und klärt zunächst, wie lautet unser Problem. Dann prüft er in unscharfer Logik, wie könnte man dieses Problem lösen? Bis hierher ist noch kein besonders philosophischer Ansatz zu finden. Aber danach klärt er die Lösung über eine Fahne. Dadurch hat er erreicht, dass seine Mitarbeiter nicht mehr gegeneinander kämpfen, sondern gemeinsam gegen ein Problem kämpfen.

Die Fahne als philosophisches Mittel, Problemlösungen zu erarbeiten

Die Fahne ist nichts anderes, als einen Bedingungskatalog zu erstellen, der mir deutlich macht, unter welchen Bedingungen bin ich bereit, eine bestimmte Sache zu tun. Wenn diese Bedingungen mit sinnvollem Aufwand erreichbar sind, dann tue ich es, wenn nicht, dann lasse ich es. Und das geschieht völlig unabhängig davon, ob mir einen Lösung gefällt oder nicht. Diese Art, Entscheidungen vorzubereiten, ist philosophisch orientiert. Andere Entscheidungstechniken sind da eher emotional orientiert. D. h.: Ich wähle die Lösung, die mir am besten gefällt, unabhängig davon, ob sie mein Problem wirklich löst. Die Gefahr ist, ich prüfe aufgrund der emotionalen Zustimmung nicht mehr sauber ab, ob diese Lösung tatsächlich mein Problem in den Griff bekommt. Fehlentscheidungen sind dadurch vorprogrammiert.

Herr Klaste hat kürzlich eine neue Vertriebsstruktur für sein Unternehmen gemeinsam mit seinen Führungskräften entwickelt. Heraus kam eine Fahne, die klären wollte, ob solch eine Vertriebsstruktur überhaupt machbar ist. Klaste stellte mit seinen Führungskräften fest, dass diese Akzeptanz nur dann sichergestellt werden kann, wenn:
- das Konzept von den Mitarbeitern nicht torpediert wird,
- wenn keine Verschlechterung der Kundenbeziehung entsteht,
- wenn die gesetzten Ziele der Kostenrechnung nicht unerreichbar werden,
- wenn die wichtigsten Zulieferer mitspielen,
- wenn die Reibungsverluste nicht zunehmen, also Interaktions- Transaktions- und Migrationskosten nicht zunehmen.
Ebenfalls wichtig war den Führungskräften, dass der Kundennutzen durch solch ein Modell nicht kleiner werden darf.

Alle Bedingungen wurden überwiegend als erfüllbar ermittelt. Herr Klaste war zufrieden mit der Vorbereitung der Lösung. Er und seine Manager hatten geprüft, was durch Nachdenken geprüft werden konnte. Hier wurde also durch Philosophie dem Manager geholfen, sich nicht ökonomischen oder politischen Zwängen auszuliefern, sondern diese Zwänge beherrschen zu lernen durch eine Orientierung, die außerhalb solcher Zwänge gefunden werden kann.

Der zweite Bereich ist es, das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren. Philosophie wird dann attraktiv, wenn eine Mensch der Frage begegnet: „Wer bin ich?“ Die Beschäftigung mit der „Freundschaft zur Weisheit“ hilft, diese Frage zu klären. So wird die Philosophie mir deutlich machen können, dass es eine absolute Wahrheit, und damit endgültiges Wissen nicht gibt. Meine Erkenntnisse sind von begrenzter Brauchbarkeit. Und meine Erkenntnisse sind niemals wahr, sondern ich bin mir dessen ganz sicher, kann nicht daran zweifeln, aber doch nicht den Irrtum oder die Täuschung ausschließen.

Die philosophische Bescheidenheit und verantwortete Güterabwägung
Die Philosophie verhilft mir zu mehr Bescheidenheit, wenn es um die Qualität meines Wissens geht. Sie hilft mir auch, mehr Toleranz zu entwickeln. Denn wenn ich weiß, dass meine Werte immer nur mich selbst binden und verpflichten können, dann kann ich auch akzeptieren, dass andere Werte genauso berechtigt sind, wie meine eigenen. Der Manager, der sich mit Philosophie befasst, hält seine Erkenntnisse anderen Erkenntnissen gegenüber nicht für überlegen, er wähnt sich nicht im Besitz allein selig machender Erkenntnisse. Der Manager, der sich mit Philosophie befasst, unterliegt nicht mehr dem typischen psychischen Zwangsmechanismus, etwas woran er nicht mehr zweifeln kann, für wahr, gültig, allgemein verbindlich zu halten. Damit ist der philosophische Manager wahrscheinlich aufgeklärt. Er ist nicht mehr naiv. Und damit entsteht der zweite Schritt, nämlich zu prüfen, woran soll ich denn mein Leben orientieren, was soll Wegweiser für mich sein?

Die Philosophie bietet in der Ethik hier eine Chance. Ich kann mir Werte suchen, an die ich mein Handeln und entscheiden binden kann. Ich kann immer dann, wenn ich Entscheidungen treffen muss, prüfen, wird sie meinen Werten gerecht oder verletze ich sie damit? Damit bin ich bei einer Güterabwägung.
Allerdings muss ich solche Güter, die ich für schützenswert halte, auch bestimmen. Ein Mensch, der sich mit Philosophie beschäftigt, ist wahrscheinlich auf der Suche nach solchen Gütern. Sie können sich ethisch, ökonomisch, politisch, sozial, kulturell oder anders organisieren. Die Frage wird nur immer sein: „Was hat zu geschehen, wenn ein mir wichtiges Gut mit einem anderen kollidiert?“

So kann ein Gut eines Managers lauten: „Der Unternehmensbestand ist niemals zu gefährden“ Ein weiteres Gut kann lauten: „Handle und entscheide Dich stets so, dass Du in Deinem Handeln und Entscheiden das personale Leben in Dir und in der Person eines jeden anderen eher mehrst, denn minderst“ (Prof. Lay, Ethik für Manager, Econ-Verlag).

Die Frage ist jetzt, welches dieser beiden Güter wird nun von einem Manager als wichtiger, höherwertig angesehen? Ein Manager, der sich mit Philosophie beschäftigt, wird wahrscheinlich eher beide Werte kennen, als jemand, der das nicht tut. Damit besteht die Voraussetzung, dass der Manager verantwortet abwägt, was im Konfliktfall zu tun ist. Also: Ist alles erlaubt, was den Unternehmensbestand sichert, oder gibt es Grenzen?
Der weise Manager wird kritisch prüfen, ob sein Verhalten den selbstgesetzten Werten auch entspricht. Er wird sich auch verantworten für die überschaubaren Folgen seines Handelns. Seine Werte sind gelebte Werte. Die Beschäftigung mit der Philosophie schützt ihn wahrscheinlich davor, ethische Postulate zu haben, die sich in seinem Handeln nicht widerspiegeln.

Die Sinnfrage
Der dritte Punkt war die Klärung der Sinnfrage.
Britta Weber ist Managerin in einem Elektrokonzern. Sie leitet den Vertrieb und ist so erfolgreich, dass sie damit rechnen muss, in die Geschäftsführung berufen zu werden. Sie hat zwei Kinder, die beide erwachsen sind. Klaus Weber hat sein Abitur gerade gemacht und seine Schwester Renate hat vor zwei Jahre die kaufmännische Leitung bei einem Installateur übernommen. Britta Webers Mann ist ein recht erfolgreicher Staatsanwalt. Alles scheint im Lot zu sein.

Aber vor zwei Wochen war Britta beim Arzt. Sie hatte eine Verdickung in der rechten Brust wahrgenommen. Man hatte eine Gewebeprobe entnommen, und Ihr Arzt hatte ihr eröffnet, sie habe ein Karzinom. Schwindlig und schlecht war ihr geworden. Britta fühlte, wie ihre Knie zitterten. Benommen und doch klar im Kopf ging sie nach Hause. Tagelang war sie nicht ansprechbar. Ein Operationstermin wurde angesetzt. Als sie aus der Narkose erwachte, begann sie sich Fragen zu stellen, die sie sich so noch nie gestellt hatte. Sie fragte sich, ob sie ihr Leben immer richtig gelebt hätte, ob sie genügend Zeit auch für sich gehabt habe, ob sie sich nicht verzettelt habe und ob sie nicht doch eigentlich mehr für die Arbeit gelebt habe. „Bin ich auf der Welt, um zu arbeiten, oder um zu leben?“

Viele Menschen stellen sich solche Fragen, ohne dass es gleich durch so dramatische Auslöser begünstigt werden müsste.
Und auch hier greift wieder die Philosophie. Sie hilft, zu klären, welchen Sinn ich meinem Leben geben will, welchen Sinn ich meiner Arbeit, meinem Unternehmen geben will, welchen Sinn mein Leben also hat. Hier sind nicht die professionellen Sinnstifter am Werk. Von denen kriegt man nur Antworten im Sinne von: „Der Sinn unseres Unternehmens ist es, den Nutzen unserer Mitarbeiter und Kunden zu mehren.“ Dass das nichts mit der Klärung der Sinnfrage zu tun hat, sondern eher eine simple ökonomische Trivialregel darstellt, ist wohl schnell jedem klar.

Nein, geklärt wird in den Sinnfragen z. B. Welchen Sinn hat denn mein Unternehmen? Hier wird die Frage geklärt, wie bewältigen wir die alltäglichen Probleme in unserem Unternehmen? Welche Bedeutung haben wir als Unternehmen für unsere Mitarbeiter, unsere Kunden, unsere Lieferanten oder Wettbewerber? Welche Bedeutung haben wir für die Allgemeinheit? Mit der Beantwortung dieser Frage ist der Sinn eine Unternehmens zu klären.

Die Zweite Sinnfrage kann sein, welchen Sinn hat meine Arbeit für mich? Hier wird geklärt, wie die Identifikation aller Mitarbeiter mit dem was sie tun hergestellt wird. Hier wird die Selbstverantwortung und Selbstverwirklichung in der Arbeit ermittelt. Wie stellen wir sicher, dass Mitarbeiter interessiert und bereit sind, mehr Selbstverantwortung und damit mehr Verantwortung auch für andere zu übernehmen? Damit ist der Sinn der Arbeit geklärt.

Die dritte Frage ist die Sinnfrage des Lebens. Und hier kann man nur sagen: Dein Leben hat exakt soviel Sinn, wie Du ihm gibst. Die Philosophie hilft dem Manager dabei, diese Frage verantwortet beantworten zu können.
So kommt es dann, dass die Philosophie einem Manager hilft, sein Wissen über das Leben zu entwickeln und zu verinnerlichen. Der philosophische Manager verfügt über Wissen zu den Grundfragen menschlicher Existenz, wie Prof. R. Lay in seinem Buch „Über die Kultur des Unternehmens“ einmal geschrieben hat. Dieses Wissen macht laut Prof. Lay der Manager in seinem Urteilen und Handeln für sich und andere praktisch.

Philosophie hilft dem Manager, Weisheit in sein Leben zu bringen. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, eine Überzeugung zu besitzen, die jedem Menschen erlauben, andere Dinge für richtig oder falsch, für vernünftig oder unvernünftig zu halten als man selbst. So entsteht mit der Beschäftigung mit der Philosophie Weisheit, Toleranz und Vertrauenswürdigkeit. Der philosophisch-weise Manager handelt und entscheidet und wertet orientiert. Damit besitzen solche Manager einen Lebenskompass, der ihnen hilft, ihr Leben einzunorden auf seinen Lebenssinn.

Solche Manager sind in meiner Wahrnehmung erfolgreicher und glücklicher, weil sie sagen können,: „Mein Leben ist mir geglückt.“ Und allein das kann schon Motiv und Grund genug sein zu sagen: „Ja, es macht großen Sinn für einen Manager, sich mit der Philosophie intensiv zu befassen.“