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Einmal im Jahr heiße ich Helmut und Bekannte siezen mich

Niemand freut sich über Werbung unter dem Deckmantel von Massenglückwünschen. So versenden Sie personalisierte Weihnachts- und Geburtstagsgrüße.
Gaby S. Graupner | 05.12.2013

374 E-Mails und Nachrichten waren es dieses Jahr auf Facebook, Xing, Twitter und bei WhatsApp. Die meisten lieblos, manche formlos und einige ausgesprochen herzlich. Der spezielle Tag im Jahr ist der 29. November. Mein Name ändert sich und gute Bekannte werden zu Fremden. Dank ihres automatischen E-Mail- oder Nachrichtenversands. Der Grund: Ich habe an diesem Tag Geburtstag!

Um Missverständnisse zu vermeiden, jemand, der wie ich, die ersten 18 Jahre seines Lebens gar kein Geburtstagsfest hatte, hat sich in den folgenden Jahren auch über die gedruckten Massengratulationsbriefe der Sparkasse gefreut. Doch mit den Jahren wurde ich anspruchsvoller. Heute erwarte ich zumindest meinen Namen in der Anrede und die Du-Form bei all denen, die mich die restlichen 364 Tage im Jahr auch duzen.

Doch das ist Dank programmgesteuerter E-Mails, automatischer CRM-Nachrichten und 1000 mehr oder weniger bekannter Freunde bei Facebook oder Twitter nicht mehr so einfach. Da kommen am Tag schon mal 15 zusammen – nicht durchschnittlich aber möglich. Was soll man da schreiben? Muss man?

Scheinbar ist diese Meinung stark vertreten. Besonders, wenn es um Kunden oder noch besser „zukünftige“ Kunden geht. Spätestens seit Joe Girard, Amerikas berühmtestem Autoverkäufer, glauben wir zu wissen: Glückwünsche erhöhen unseren Umsatz. So schreibt Wikipedia: ...Unter anderem verschickte er jeden Monat Tausende von Grußkarten an seine Kunden. ...

Na, wenn das kein Grund ist. Doch stopp – was genau schreibt das manchmal durchaus ungenaue Wikipedia?

...Unter anderem...: Scheinbar hat Joe Girard noch einiges mehr gemacht, als Grußkarten versandt. In einem Spiegel-Interview (08.09.2006) heißt es: „Ich habe mir für meine Kunden ein Bein ausgerissen.“ Ganz sicher hat er dabei seine Kunden mit richtigem Namen angeschrieben.

...Grußkarten...: Grußkarten sind nicht nur Geburtstagskarten. Grußkarten kommen auch überraschend, zu anderen Anlässen oder ganz ohne „offiziellen“ Anlass – einfach so. Und am Anfang schrieb er seine Karten noch mit der Hand. Oft waren es „Liebeserklärungen“ – ob wir uns das trauen würden? Wobei eine Liebeserklärung zum Geburtstag mit Helmut als Anrede – das hätte was. Erst als die Karten in die Hunderte gingen, später in die Tausende und danach sogar in die Zehntausende, wurden sie gedruckt.

Doch es gab weitere Besonderheiten: Er sandte seine Grußkarten auch an die neue Adresse seiner Kunden, einerlei wohin sie umzogen und egal wie oft. Er war einer der ersten, wenn nicht sogar der einzige „Lieferant“ seiner Kunden, der diesen Weg der Kundenbindung wählte. Seine Grüße kamen per Post, sie waren haptisch erlebbar und fielen immer auf. Denn, es ist ein Unterschied, ob ich 10 Briefe und Karten bekomme oder täglich mehr als 20 E-Mails, 50 Tweets und xxl-Facebook-Nachrichten.

Doch genug davon geschrieben, wie es nicht geht. Oft ist der Hinweis von Facebook oder Skype, dass eine liebe Bekannte oder ein netter Bekannter heute Geburtstag hat, ein guter Hinweis, um sich wieder einmal zu melden. Bei unseren großen Netzwerken, in denen wir uns heute befinden, ist das oft gar keine einfache Sache mehr. An alle „Bekannten“ zu denken. Wenn es uns dann gelingt, diese „Erinnerung“ mit herzlichen Glückwünschen zum Geburtstag zu verbinden, dann ist es eine gute Gelegenheit, das auch zu tun.

Doch was soll man schreiben? Die einen senden kleine Filme mit lustigen und kitschigen Melodien und Bildern. Die anderen wählen Zitate, Verse und Gedichte – aus meiner Sicht alles vollkommen in Ordnung. Den Geschmack all unserer Kontakte werden wir sowieso nie treffen, deshalb ist es wichtig, dass uns der Inhalt gefällt – damit stehen wir dazu und es fällt leichter, den Spruch oder Film zu „verpacken“. Denn ganz ohne geht es nicht. Jedenfalls nicht, wenn der (überzogene) Film oder die (kitschige) Melodie nett ankommen soll.

Ein langjähriger Kunde zum Beispiel, sendet mir jedes Jahr einen Link mit Glückwünschen von CoolPhotos.de. Vollkommen in Ordnung. Die Verpackung dazu sind Worte und Gedanken von ihm persönlich und das zählt.

Dieses Jahr haben mir einige (stark) verspätete Glückwünsche sehr gefallen, sie waren zwar spät, jedoch ausgesprochen individuell und sie fielen mir besonders auf, weil sie nicht mehr in der Masse steckten – auch das kann eine Strategie sein. Dabei ist es wichtig, keine ellenlangen Entschuldigungen wegen der Verspätung zu schreiben. Lieber witzig verpacken. Zum Beispiel: „Lieber spät als nie“, „Spät, aber dennoch...“ „Ich wollte mal der Letzte sein, der gratuliert...“. „Gerade noch gemerkt, bevor das Jahr wieder rum ist...“

Doch was ist zu schreiben, wenn die Glückwünsche als Punktlandung kommen und dabei aus der Masse herausragen sollen? Die erste Frage, die Sie sich stellen können, wäre: Wie würden Sie Ihre Geburtstagswünsche am liebsten haben? Frech, kitschig, romantisch, mystisch, erfolgs- oder gesundheitsorientiert, sachlich, mathematisch, in Zahlen, Daten und Fakten – oder mehr in Superlativen oder ausdrucksstark? So könnten Sie jedes Jahr Ihre „superkalifragilistischexpiallegetische“ Geburtstagskarte für sich selbst schreiben und diese dann das ganze Jahr über ganz oder teilweise für Ihre „Bekannten“ verwenden. Bei all denen, bei denen es Ihnen schwerfällt, ganz persönliche Worte zu finden, weil es eben nicht so viel Persönliches gibt. Oder Sie nehmen die automatische Erinnerung an den Geburtstag von Susi Muster als Anlass, genau 21 Tage später eine Karte oder eine Nachricht zu versenden – vollständig unabhängig vom Geburtstagsanlass – dann haben Sie eine sehr sichere Chance, aus der Masse herauszuleuchten. Der Text könnte lauten: „Vor kurzem habe ich über Sie gelesen, das ist für mich ein willkommener Anlass, Ihnen einfach mal alles Gute zu wünschen, in der momentanen kalten (heißen, warmen, nassen, eisigen) Jahreszeit, besonders natürlich Gesundheit, aber auch Erfolg in den Dingen, die für Sie Erfolg bedeuten. Herzlichst Ihre Gaby S. Graupner“

Das Wichtigste dabei, verkneifen Sie sich jeden Werbespruch, jedes „Geschenk“ oder jede Aufmerksamkeit – das gilt auch für die echten Geburtstagswünsche, das ist fast schlimmer als „Helmut“ genannt zu werden. Jedenfalls meiner Meinung nach. Sie werden merken, solch nette Wünsche aus unerwartetem Anlass wirken wahre Wunder, besonders, wenn sie öfter kommen. 21 Tage nach dem Geburtstag, nach Weihnachten, nach Ostern, nach dem Valentinstag, nach Thanksgiving und was es da noch so an Anlässen gibt. Wäre doch mal einen Versuch wert. Oder?

Und der nächste Anlass kommt bestimmt. Zum Beispiel gerade eben die Advents- und Weihnachtszeit und in Kürze, das gute neue Jahr – nicht zu vergessen. Ein guter Anlass, es dieses Jahr einmal ganz anders zu machen.

Wünsche personalisieren, also wirklich auf die Person zugeschnitten zu versenden. Das darf ruhig auch per Facebook und Co. sein. Die Regel lautet: je massentauglicher das Medium, desto individueller und persönlicher der Text.

Tja, und wenn Ihr Unternehmen oder Ihr Angebot sich mit Attributen wie „extraordinär, de luxe, etwas Besonderes, höchste Qualität oder außergewöhnliches XYZ“ schmückt, dann könnte es auch einmal wieder die handgeschriebene Weihnachtskarte sein. Spätestens ab dem 2. Advent können Sie damit beginnen, täglich drei zu schreiben, das können auch die tastaturerprobten, aber mit Füller eher ungeübten Hände noch schaffen, das wären dann fast 50 persönliche Karten – und somit 50 erfreute Kunden, Bekannte oder zukünftige Kunden. Für mich persönlich ein schöner krönender Abschluss dieses Jahres.

Denn niemand heißt gerne Helmut, außer seine Eltern haben diesen Namen liebevoll für ihn ausgesucht, niemand liebt es, in der Masse mit leeren Worten überschüttet zu werden, niemand freut sich über Werbung unter dem Deckmantel von Massenglückwünschen. Sie nicht und ich nicht.

Dagegen freuen wir uns sehr, wenn wir spüren, da hat jemand wirklich an uns gedacht. Schmunzeln, wenn die Wörter holprig, aber persönlich kommen. Strahlen, wenn das Geschriebene den Nagel auf den Kopf trifft und lachen, wenn wir wieder einmal von jemandem hören, von dem wir schon lange nichts mehr gehört haben.

Nix für ungut.

Ihre

Gaby S. Graupner