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Ethisches Missverständnis: wir müssen alle gleich behandeln

Wir sind alle sind gleich; nur manche sind gleicher. Vom Unsinn der Gleichbehandlung.
Ulf D. Posé | 27.10.2016


Der Automobilhersteller hat einen Betriebskindergarten eingerichtet. Das hilft allen Eltern, die in dem Betrieb beschäftigt sind. Allerdings beschwert sich Volker K. beim Betriebsrat. Er sieht nicht ein, dass hier Privilegien geschaffen werden für Eltern, und der Rest der Belegschaft, die keine Eltern sind, gehen leer aus: „Da müsst ihr etwas unternehmen“, fordert er vom Betriebsrat, „ich denke, es muss für alle Nicht-Eltern einen Ausgleich geben. Sonst wäre das nicht sehr sozial.“ Der Betriebsrat sieht sich in einer Zwickmühle. Einerseits ist ein betriebskindergarten eine tolle Sache für Eltern, andererseits bleibt ein wenig die Gleichbehandlung der Mitarbeiter dabei auf der Strecke. Was also tun?
Der Betriebsrat sollte nichts tun. Es ist schon ein gewisses Kreuz und Leid geworden, dass das Wörtchen ‚sozial‘ uns alle inzwischen terrorisiert. Kaum noch etwas in unserer Gesellschaft darf ohne das Adjektiv sozial verwendet werden. Schon der Nobelpreisträger A.F. Hayek sprach von weasel words. Das sind Wörter, die einen Begriff in seiner Substanz aushöhlen, und durch das Zusatzwort eine völlig andere Bedeutung geben. So wird aus Gerechtigkeit eine soziale Gerechtigkeit, die mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun hat. So wird aus Verantwortung soziale Verantwortung, und das Individuelle an der Verantwortung geht flöten.
In unserer Gesellschaft erleben wir derzeit eine Entwicklung, die die Gleichmacherei in den Mittelpunkt stellt, und behauptet, das sei ethisch gefordert. Alle Menschen müssen gleich behandelt werden, nur so sei ein ethisch verantwortungsvolles Miteinander zu gewährleisten. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn alle Menschen gleich behandelt werden, wird man niemandem mehr gerecht. Diese Gleichmacherei ist so unmenschlich, wie etwas nur unmenschlich sein kann, denn sie verkennt, dass Menschen nicht gleich sind. Wir haben unterschiedliche Talente, Wünsche, Bedürfnisse, Neigungen, Lebensvoraussetzungen, Entwicklungen. Das führt dazu, dass wir als Person einmalig und einzigartig sind. Diese Einmaligkeit und Einzigartigkeit gilt es zu berücksichtigen, wenn wir einem Menschen gerecht werden wollen, wenn wir einen Menschen ethisch einwandfrei behandeln wollen. Wer alle Menschen gleich behandeln will, nimmt ihnen jegliche Individualität.
Die Idee, dass Menschen immer gleicher werden, hatte als erster wahrscheinlich der Jesuit Tailhard de Chardin. Er hat diesen berühmten Satz gesagt: „Mit dem Menschen ist die Evolution nicht zu Ende.“ Dann zeigte er eine Entwicklung auf, die zunächst aus chemischen, dann aus biologischen und irgendwann aus sozialen Prozessen besteht. Im Rahmen der sozialen Prozesse vertrat er die Ansicht, dass möglicherweise alle Menschen auf dem Weg zu einer Menschheit sind. Die Menschen also irgendwann verglichen werden können mit einem Termitenhaufen. Dort stellt die einzelne Termite nicht m ehr das Lebewesen dar, sondern der Termitenhaufen ist das Lebewesen. So könnte nach Teilhard de Chardin irgendwann die ganze Menschheit ein Lebewesen sein. Mit der Theorie ist natürlich das Soziale, die Gleichmacherei im Mittelpunkt. Noch ist es allerdings nicht so weit. U(nd ich hoffe im Sinne einer menschenwürdigen Ethik, dass es ziemlich lange noch nicht dazu kommen wird. Noch hoffe ich, dass der einzelne Mensch etwas gilt, das Individuelle seine Berücksichtigung findet. Eltern wissen, wovon ich spreche. Sobald Eltern mehr als ein Kind haben, wissen sie, dass man die beiden oder mehr Kinder nicht gleich behandeln kann, ja sogar nicht gleich behandeln darf. Würde man Kinder immer gleich behandeln, dann wird man dem einzelnen Kind nicht gerecht. Das versteht jeder. Wenn man zum Beispiel einem 5-jährigen Mädchen zu Weihnachten eine Puppe schenkt, und dem großen, 10- jährigen Bruder ebenfalls eine Puppe zu Weihnachten schenken würde, nur um beide Ki9nder gleich zu behandeln. Da begreift jeder, wie unsinnig Gleichbehandlung sein kann.
Nein, es muss ethisch erlaubt, ja sogar gefordert werden, dass wir Menschen individuell behandeln, bereit sind zu berücksichtigen, dass Menschen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Wenn wir es schaffen, wieder dem Einzelnen gerecht zu werden, dann steht wieder das Person-Sein im Mittelpunkt des Miteinander Umgehens. Ich vermute, diese Überbetonung des Sozialen beruht auf einem Missverständnis. Das Missverständnis beruht darin, dass wir die sechs Einflussgrößen des Person-Seins anscheinend nicht mehr wahrhaben wollen. Jeder Mensch ist zunächst ein Individuum. Wir haben ein Mix an Bedürfnissen und Eigenschaften, die mit keinem anderen Menschen identisch sind. Dann lebt in uns das Soziale. Wir sind abhängig von den Launen andere. Wir wären ganz sicher gestorben, wenn sich nach unserer Geburt nicht jemand mehrere Jahre um uns gekümmert hätte. Wir leben in einer besonderen Welthaftigkeit. Das betrifft die Welt, in der wir groß geworden sind oder aktuell leben. Die Welt eines Metzgers ist nun mal eine andere als die Welt eines Rechtsanwaltes. Wir haben als vierten Faktor die Grenzhaftigkeit. Grenzhaftigkeit meint, wir leben in schicksalhaften und selbstgewählten Grenzen. Männer können keine Kinder bekommen, das ist eine schicksalhafte Grenze; und wenn ich heirate, dann habe ich damit ebenfalls eine Grenze gezogen. Als fünften Faktor gibt es die Geschichtlichkeit. Jeder Mensch hat eine sehr persönliche Geschichte, die sich je nach Betrachtung oder Zeitabfolge durchaus ändert, selbst wenn die historiographischen Daten dieselben bleiben. Und als letzten Faktor gibt es noch die Transzendentalität, also die redliche Vorstellung, dass mich etwas übersteigt, das größer ist, als ich selbst. Diese sechs Elemente machen uns als Menschen aus. Da ist das Soziale nur ein Teil davon. Und gerade weil es so ist, sollten wir, um dem Menschen als Person wieder gerecht zu werden, ihn eben nicht gleich behandeln, sondern das Individuelle im Umgang mit ihm berücksichtigen. Alles andere wäre unmenschlich.