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Neue digitale Messaging-Dienste: Digitale Eselsohren

Neue Dienste in der elektronischen Nachrichtenübermittlung: E-Postbrief vs. DE-Mail
retarus GmbH | 01.03.2011

In die digitale Nachrichtenübermittlung kommt Bewegung: Gleich zwei neue Dienste versprechen elektronische Kommunikation, die die Vorteile der Briefpost mit denen von E-Mails verbinden. Wer braucht sie wirklich?

Wie wir alle im Werbefernsehen zweifellos mitbekommen haben bietet die Deutsche Post AG seit Sommer letzten Jahres den E-Postbrief an. Dieser sei „genauso verbindlich, vertraulich und verlässlich“ wie die herkömmliche Briefpost, aber so unkompliziert wie E-Mail. Tatsächlich bietet der neue Dienst eine ganze Reihe von Vorzügen.
Als Sender und Empfänger kommen nur Zeitgenossen infrage, die zuvor im Rahmen des Postident-Verfahrens nachweisen konnten, dass sie überhaupt existieren. Dazu zeigt man im Normalfall – nachdem man sich online angemeldet hat – auf einem Postamt seinen Ausweis vor. Nach wenigen Tagen erhält man Benutzername, Passwort und TAN, ganz wie beim Online-Banking. Dies ist zwar alles einigermaßen umständlich, schließt aber aus, dass Personen wie „Meister_Propper123@xyz.de“ im elektronischen Postverkehr auftauchen und dort Schadcode oder Spam verteilen.

Ein weiterer Vorteil des Post-Services ist auch das „Hybrid-Verfahren“, mit dem auch Empfänger erreicht werden können, die zwar keinen Mail-Account wohl aber einen Briefkasten besitzen: Solche Sendungen werden ausgedruckt und vom Briefträger eingeworfen.
Etwas schwieriger zu beurteilen ist das Versprechen, der E-Postbrief sei vertraulich, denn beim Thema Sicherheit lässt sich der Ex-Monopolist kaum in die Karten schauen. Bekannt gegeben wurde lediglich, dass die Kommunikation zwischen Benutzer und Betreiber durch eine TLS-Verschlüsselung gesichert wird. Detailliertere Informationen gibt es bislang nicht. Beim Hybrid-Verfahren besteht zumindest die theoretische Möglichkeit, dass Postmitarbeiter den vertraulichen Brief beim Drucken lesen können – wer das vermeiden möchte, kommt um eine Ende-zu-Ende Verschlüsselung nicht herum. Hierfür werden wiederum Zertifikate benötigt, was die unkomplizierte Handhabung ad absurdum führt.

Nur Vorteile?
Dennoch scheint es der Post gelungen zu sein, die Vorteile klassischer Briefpost in die digitale Welt zu übernehmen. Gleichzeitig wurden aber auch einige Nachteile übernommen, denn ein E-Postbrief ist mit 0,55 Euro Porto in der Grundversion genauso teuer wie die herkömmliche Epistel. Seltsam mutet die Tatsache an, dass vom Postboten zugestellte E-Postbrief-Einschreiben mit Rückschein teurer sind als „Papier-Einschreiben“, die in der Filiale abgegeben werden. Den Unterschied zwischen 3,85 EUR und 4,58 EUR macht die Mehrwertsteuer aus. Auch der alte Internet-Spott „snail-mail“ (Schneckenpost) scheint weiterhin zuzutreffen. Wie die Stiftung Warentest bereits im August 2010 beklagte, kommen Briefe, die im Hybrid-Verfahren zugestellt werden, teilweise erst nach zwei Werktagen an. Ebenso bemängelten die Tester, dass die Integrität von Anhängen – etwa PDF- oder Bild-Dateien – nicht immer gewährleistet war. Aber auch das ist nichts Neues: Auch vorher konnten wir den Briefträger kaum dafür haftbar machen, wenn im Brief ein Foto mit Eselsohren lag.

Halten wir dem neuen Postdienst zugute, dass dies zum Teil Kinderkrankheiten sein mögen, bleibt immer noch die Frage, ob die sichere Übermittlung digitaler Nachrichten einfacher oder komplizierter wird? Es steht zu befürchten, dass Letzteres der Fall sein wird. Auch weil die Geschäftsbedingungen der Post dem Benutzer vorschreiben, dass er sein Konto mindestens einmal am Tag kontrollieren soll, im Urlaub oder auch bei Krankheit.

Neue Verwirrung?
Dies allerdings ist nicht allein der Post anzulasten, denn etwa seit der Jahreswende gibt es mit DE-Mail einen weiteren Messaging-Dienst auf dem Markt. Dessen Betreiber sind die Telekom und United Internet und der zugehörige Slogan – „so einfach wie E-Mail und so sicher wie Papierpost“ – lässt ahnen, dass dieser mit ähnlichen Vorzügen ins Rennen geht. Allerdings haben die DE-Mail Betreiber angekündigt, dass sie das Porto des E-Postbriefs deutlich unterbieten werden. Da wir es weder bei der Deutschen Post AG, noch bei der Telekom AG und der United Internet AG mit typischen Leichtgewichten zu tun haben, dürften die kommenden Monate von allerlei Marketing-Getöse begleitet werden. Jeder wird versuchen, die Vorteile seines Dienstes herauszustreichen, was dann zwangsläufig zu Lasten des jeweils andern gehen muss. Nicht auszuschließen, dass die Kundschaft angesichts dieser Gemengelage erst mal abwartet und die Vorteile der sicheren elektronischen Nachrichtenübermittlung auf unbestimmte Zeit brach liegen. Besonders, wenn man grenzüberschreitend arbeitet. Denn darauf haben weder DE-Mail noch E-Postbrief mangels internationaler Standards eine Antwort, verbindliche elektronische Kommunikation hört nämlich heute an der Landesgrenze auf.

Bewährte Verfahren
Für professionelle Anwender, die auf die sichere Übermittlung digitaler Mitteilungen angewiesen sind, kann das nicht befriedigend sein. Zum Glück aber gibt es bewährte Alternativen, denn E-Mail ist nicht so unsicher, wie ihr das nachgesagt wird: Längst gibt es anerkannte Verfahren zur elektronischen Signatur und zur sicheren Verschlüsselung, die weltweit juristisch belastbare Kommunikation garantieren. Letzterem Aspekt sollte immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, denn mag die Kündigung einer Versicherung per E-Postbrief in Ordnung sein, sofern keine weitere Einschränkung besteht, bedarf eine Mietkündigung aber stets der Schriftform.

Wer also Dokumente digital und rechtssicher versenden will, sollte sich zunächst genau darüber im Klaren sein, welcher Service seinen Bedürfnissen am ehesten entgegenkommt. Hier bietet übrigens die Referenzliste des E-Postbriefs interessante Hinweise, denn sie umfasst unter anderen eine Lottogesellschaft, Versicherungen, Banken und einen Automobilclub – alles Organisationen, die eine Vielzahl von Adressaten im Privatkundenbereich ansprechen wollen. Im B2C (Business to Customer) scheint tatsächlich die Stärke der neuen Dienste zu liegen. Wer jedoch eine definierte Anzahl von Geschäftspartnern transaktions- und rechtssicher adressieren möchte, ist mit den bereits bewährten und langjährig erprobten Verfahren womöglich besser bedient, denn die Integration der neuen Verfahren mit bestehenden Applikationen im Unternehmen steckt noch nicht einmal in den Kinderschuhen.