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Selbstreflexion oder Selbstmitleid?

Wenn wir uns verbessern wollen dann müssen wir uns fragen, warum wir in einer Situation sub-par Standard abliefern.
Jörg Schneider | 04.09.2013

Gestern hatte ich eine interessante Coaching-Situation mit einer Klientin. Sie klagte darüber, wie sie nicht recht voran komme, wie sie immer wieder die gleichen Fehler mache, wie sie stagniere, wie sie an Altem festhalte. Holla! Das ist doch mal eine interessante Ausgangsposition für ein Coaching!

Die zwei Seiten der Medaille:

Auf der einen Seite tut es Not, diese negativen Selbstgespräche zu hinterfragen und, wenn nötig, die Pasue-Taste zu drücken.
Auf der anderen Seite jedoch (und das vergessen die Meisten von uns), ist allein schon diese Art der kritischen Selbstreflexion ein unglaublich mächtiger Verbündeter.

Mir sind diese Menschen viel lieber, als die unreflektierten Schönredner. Wenn wir uns verbessern wollen (Spitzenleistung! Profi statt Amateur!), dann müssen wir der Wahrheit schonungslos ins Auge blicken und uns fragen, warum wir in einer Situation sub-par Standard abliefern. Insbesondere, wenn wir wissen, dass wir es besser können.

Ein aktuelles Beispiel: Just in diesem Moment sind einige Sportfreunde beim Transalpine-Run auf der 5. Etappe unterwegs (Bergsprint in Scuol im Unterengadin). Sie haben bereits vier harte Etappen mit vielen tausend Höhenmetern in den Beinen. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass bei dem Einen oder der Anderen schon etwas “der Lack ab” ist. Interessant ist aber immer wieder bei solchen anstrengenden Mehr-Etappenläufen, wie viele Athleten sich minutiös über Monate vorbereiten und dann bereits in der ersten Hälfte die Segel streichen. Kommentare? Immer die gleichen Ausreden! Kommentare der vielen realen und virtuellen Freunde: “Oh, Du Armer!”, “Das ist aber ein Pech!”, “Menno, da tust Du mir aber leid!” und so weiter und so fort… Und so schwelgen die Amateure in Selbstmitleid und brauchen sich nie über zu wenig Mitleid von außen beklagen. Aber bringt sie das weiter? Lernen Sie aus ihren Fehlern? Machen sie beim nächsten Mal etwas anders? Genau das sehe ich nicht.

Und die “Profis” (nicht mit Geld verdienen, sondern einfach nur von der Einstellung her gemeint)?

Echte Profis posten nicht öffentlich mit der Hoffnung auf Mitleid von außen.
Echte Profis bemitleiden sich auch selbst nicht.
Echte Profis übernehmen Selbstverantwortung für das, was ihnen geschieht. Sie realisieren, dass ihre Realität etwas mit ihnen und ihrem Handeln zu tun hat.
Echte Profis schieben deshalb auch nichts auf externe, nicht beeinflussbare Faktoren (wohl wissend, dass so etwas schon mal vorkommt). Über externe, nicht beeinflussbare Faktoren brauche ich mich auch nicht aufregen. Die Dinge sind, wie sie sind…
Echte Profis suchen nach den Dingen, die sie beeinflussen können, versuchen maximal aus der suboptimalen Situation zu lernen, daran zu wachsen. Daher gehen sie direkt in eine Phase der selbstkritischen Analyse (aber Vorsicht: Das heißt nicht, sich selbst fertig zu machen!).
Echte Profis hinterfragen bei der Gelegenheit auch immer wieder ihre eigenen begrenzenden Glaubenssätze, Dogmen, Tabus und Gewohnheiten. Begrenzen diese mich in meiner Selbstentwicklung? Ist es wirklich wahr, dass ich dieses Rennen nicht gewinnen kann (hier “realistisches” Ziel einsetzen -> aber sehr kritisch hinterfragen, was in diesem Zusammenhang “realistisch” heißt!)? Woher genau weiß ich das? Kann ich das wirklich wissen?

Hierzu abschließend ein Video von Tennisprofi Tommy Haas (damals um Platz 10 der Weltrangliste – also absolute Spitzenklasse in seinem Metier). Auch (und gerade!) die Top-Performer hinterfragen sich ständig selbstkritisch. Das ist eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zum gemeinen Amateur. In diesem Fall ist das kontra-produktiv, da er sich selbst während der Leistungserbringung fertig macht. Aber im Anschluss…mit seinem Coach…konstruktiv…? Auf jeden Fall!