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Ist Information wirklich alles?

Es gibt verschiedene Arten des Wissens. Die Dominanz des Informationswissens vernichtet das Lebenswissen. Weisheit kommt immer mehr zu kurz.
Ulf D. Posé | 06.08.2015

Ist Information wirklich alles?

Klaus kennt sich aus. Er legt Wert auf Informationen. Notfalls schaut er im Internet nach. Man kann ihm nichts vormachen. Er hat durch googeln immer die Möglichkeit, etwas auf seinen Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Damit fühlt sich Klaus recht sicher in seiner Lebensführung. Gleichzeitig beraubt er sich der Chance, manche Dinge anders zu bedenken, als sein Informationsbedürfnis es ihm erlaubt.
Klaus ist in eine ethische Falle getappt. Er lebt in dem Bewusstsein, dass man alles über Informationen klären kann. Das ist leider nicht der Fall. Unter ethischen Gesichtspunkten gibt es mehr als nur Informationswissen.
Es gibt das Gewohnheitswissen, die Kenntnis, wie man ein Butterbrot schmiert, sich die Zähne putzt, den Lichtschalter nachts um drei Uhr ohne nachzudenken anknipst. Dann gibt es das Erfahrungswissen, also wie man ein Auto fährt, dass man sich am heißen Herd verbrennen kann und anderes mehr. Als drittes gibt es das Informationswissen, das um die Entfernung des Mondes von der Erde weiß, sich auskennt in Algebra oder den Geburtstag seiner Freunde oder den Umsatz seines Unternehmens kennt. Hier ist Klaus zuhause. Was er dabei vergisst, ist das Lebenswissen als vierte Wissensdimension. Und hier ist Ethik beheimatet.

Im Lebenswissen ist Weisheit verankert.[b][/b]
Im Mittelalter war Weisheit der Gipfel aller menschlichen Verstandes- und Erkenntnistätigkeit, den ein guter Mensch anstreben kann. Damals gab es sogar einen Weisheitsbaum. Hier wurde zwischen den freien Künsten und den sieben Kardinaltugenden unterschieden. Der Baum hatte Symbolcharakter Hier sollten sich die Natur als Repräsentant des Charakters und die Philosophie als Repräsentant des Wissens in gelungener Weise zur Weisheit verbinden. Weisheit war ausgerichtet auf die Handlungsweisen eines Menschen in denen es um das Verstehen des Ursprungs, Sinns und Ziels dieser Welt, um Wissen ging, das sich mit dem menschlichen Leben und die letzten Dinge wie Tod, Himmel und Hölle beschäftigte.

Die heutige Zeit versucht sich wieder der Weisheit anzunähern. Wissenschaftler haben sich darauf verständigt, dass Weisheit der Gipfel menschlicher Verstandestätigkeit, ein geordnetes Lebenswissen ist. Damit unterscheidet es sich erheblich von Sachwissen, Gewohnheitswissen, Erfahrungswissen und Informationswissen. Im Übrigen sind nicht wenige Wissenschaftler heute der Überzeugung, dass Weisheit angeboren ist. Im Laufe der ersten Lebensjahre wird dieses Lebenswissen jedoch von Informationswissen, Sachwissen, Erfahrungs- und Gewohnheitswissen so sehr dominiert, dass dieses Lebenswissen zugeschüttet wird. Weisheit ist ethisches Korrektiv, ein Expertenwissen auf dem Gebiet der fundamentalen Pragmatik des tatsächlich realisierten Lebens. Es befähigt zu besonders ausgewogenen Urteilen und fundierten Ratschlägen bei schwierigen Lebenssituationen befähigt und rechnet mit einem hohen Grad an Ungewissheit.
Weisheit ist deswegen ein Expertenwissen, weil ein Experte Mensch ist, der über qualitatives Wissen verfügt, nicht nur über quantitatives. Ein Experte weiß gut, nicht unbedingt viel. Und damit verfügt er über keineswegs allen Menschen zugängliche Einsichten zu den Grundfragen des Lebens.
Solche Grundfragen sind Bedingungen, die an ein Leben gestellt werden. Dazu gehören:

1. die individuellen Voraussetzungen eines Menschen. Also seine Talente, sein Charakter, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, auch das Alter.
2. die sozialen Voraussetzungen, wie altruistisch oder alterozentriert ist der Mensch, über welche Kontaktfähigkeit verfügt er, wie konfliktfähig ist dieser Mensch, über welche Moral verfügt er.
3. Die historiografischen Voraussetzungen, also die sehr persönlichen Erfahrungen mit anderen, die Entwicklung in der Herkunftsfamilie, die Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Berufsgruppe.
4. Die Voraussetzungen der Welt , in der ein Mensch lebt, also seine konkrete Umwelt, sein Wohnort, seine Ernährung, die Naturerlebnisse, die er gehabt hat
5. Die Voraussetzungen seiner Grenzhaftigkeit, also die sozialen Grenzen , die er besitzt, zu wem kann er Kontakte pflegen, was ist ihm nicht möglich. Aber auch die Grenze des Geschlechts, seiner musischen , psychischen, handwerklichen Begabungen, die Grenze seiner Dynamik und die Grenze des eigenen Lebens, der Tod.
6. Die kulturellen Voraussetzungen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Denkweise, Tradition, einer bestimmten Religiösität.

Wer nur sein Informationswissen pflegt, unterliegt der Gefahr der Unweisheit. Der Unterschied zwischen Weisheit und Unweisheit fällt dann nicht mehr auf. Weisheit und Unweisheit unterscheiden sich jedoch qualitativ:

• Ein weiser Mensch versucht Irrtümer und Täuschungen zu minimieren. Ein unweiser Mensch schließt als Dogmatiker Irrtümer und Täuschungen aus.

• Alles, was uns sinnvoll, nützlich und brauchbar erscheint, ist immer auch unnütz, unbrauchbar unsinnig. So besteht immer die Gefahr, dass sich das Gegenteil realisiert. Ein Mensch, der etwas unter allen Umständen für nützlich, brauchbar und sinnvoll erachtet, ist unweise.

• Ein weiser Mensch stellt Selbstverständlichkeiten in Frage. Nur indem sich die Welt verändert, die Dinge verändern, bleiben sie gut, bleibt das Wahre wahr, Das Nützliche nützlich, das Kluge klug. Ein Mensch, der im Käfig seiner Wahrheiten trohnt und seine Selbstverständlichkeiten für immer richtig und immer sinnvoll erachtet, ist qualitativ unweise. Der weise Mensch, weiß, dass seine Selbstverständlichkeiten nur für ihn selbst verpflichtend sind. Jeder Mensch hat für ihn das Recht, sich an andere Selbstverständlichkeiten zu binden, aber niemand hat das Recht, diese Verbindlichkeiten auf andere Menschen zu übertragen, für sie verpflichtend zu machen.

• Ein weiser Mensch kann differenzieren. Er ist in der Lage, komplexe Sachverhalte möglichst realistisch reduzieren können. Er negiert sie nicht. Das differenzierte Denken ist eine Methode, komplexe Sachverhalte so weit zu vereinfachen, dass sie möglichst ohne wesentlichen Verlust an Parametern zu Aussagen führen, die differenziert sind. Der unweise Mensch verliert sich in komplexen Sachverhalten.

• Der weise Mensch denkt in Alternativen. Es gibt für ihn zu jeder Vorgehensweise auch noch eine andere Möglichkeit. So denkt er nicht adversativ, sondern eben alternativ. Der unweise Mensch denkt nicht alternativ sondern adversativ. Ihm ist es wichtig, etwas zu widerlegen.

• Ein weiser Mensch versucht, sich auf die Wertvorstellungen, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse anderer Menschen einzustellen, der unweise Mensch versucht das nicht. Der unweise Mensch überträgt seine Werte, Erwartungen, Bedürfnisse und Interessen auf andere. So macht er sie für andere verpflichtend.

Schauen wir einmal in die heutige Zeit, dann müssen wir annehmen, dass Weisheit keine große Rolle spielt, denn kultiviert wird immer das Informationswissen. Internet und Cyberspace lassen grüßen. Wenn wir jetzt das Menschheitswissen aufhören zu kultivieren, gewinnt automatisch das Informationswissen. Und damit besteht die Gefahr, dass wir Menschen funktionalisieren, da uns das Wissen um das Menschsein nicht mehr interessiert. Und damit verlieren Unternehmen Menschen, sie beschäftigen nur noch seelenlose Zombies, Systemagenten, die funktionieren. Wenn sie nicht mehr funktionieren, werden sie ausgetauscht. Aber genau das ist der Ruin des sozialen Miteinanders, und zum Schluss sicher auch der Ruin des Erfolgs. Somit hat Weisheit eine existentielle Bedeutung für jedes Unternehmen, für jede Führungskraft, die nicht nur Führungskraft, sondern auch Führungspersönlichkeit sein will.