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Hierarchie vor Schönheit

Wer bisher dachte, eine so simple Sache wie Grüßen und Begrüßen sei einfach, der irrt.
Elisabeth Motsch | 14.09.2016

Fettnäpfchen sind vorprogrammiert, wenn wir denken, es sei so wie im Privatleben, nämlich: „Die Frau hat die Nase vorn.“ Im Geschäftsleben ticken die Uhren leider ganz anders. Da wird nicht nach Frau gefragt, da wird nach Hierarchie entschieden. Nur bei gleicher, hierarchischer Stellung, entscheidet das Geschlecht!

Der Chef geht schwungvoll durchs Haus. Es ist ein wunderbarer Montagmorgen, die Sonne scheint, er ist gut gelaunt, weil heute ein Auftrag bestätigt wurde, auf den er schon lange gewartet hat. Er begegnet am Gang der Vertriebsmitarbeiterin Cordula Maier. Er möchte als Chef seine positive Stimmung mit einem „Wunderschönen guten Morgen, liebe Frau Maier“ unterstreichen. Doch, hoppla, darf er das überhaupt? Muss er sich jetzt auf die Zunge beißen und abwarten, dass sie ihn zuerst grüßt?

Im geschäftlichen Umgang jedoch zählt die Hierarchie mehr als das Geschlecht. Will der Chef sich kniggekonform verhalten, muss er jetzt schweigen und abwarten, dass sie ihn als Erste grüßt. Denn sie ist die Mitarbeiterin, er der Chef. Der Chef ist der Ranghöhere und die Mitarbeiterin die Rangniedere. Die Mitarbeiterin hat in diesem Fall die Pflicht, den Chef zuerst zu grüßen.

Ein souveräner Chef wird sich seine gute Laune, spontan grüßen zu wollen, von Knigge und Co nicht nehmen lassen, sondern souverän auf seine hierarchische Stellung verzichten. Er wird seine Freude zum Ausdruck bringen und die Mitarbeiterin sehr wohl als Erster grüßen. Das ist mitmenschlich stimmiges Verhalten.

Gleiche Hierarchie – eine Frau und ein Mann

Bei gleichrangigen Kolleginnen und Kollegen sieht die Sache ganz anders aus.
Bei einer Tagung des Vertriebs gibt es am Vorabend einen kleinen Umtrunk in der Bar des Tagungshotels. Peter Forster, zuständig für den Vertrieb im Süden des Landes, trifft in der Hotellobby die Vertriebskollegin, Silke Hack, aus dem Norden. Er sieht, wie sie gerade das Hotel betritt. Er geht freudig auf sie zu und grüßt sie schon von weitem, worauf sie ihm dann die Hand reicht.
Das war genau richtig. Der gleichrangige Mitarbeiter grüßt die gleichrangige Mitarbeiterin. Gleichrangigkeit zwischen Mann und Frau wird wie im Privaten gehandhabt: Mann grüßt Frau, Frau reicht die Hand.

Sollte es sich aber um eine sehr junge Mitarbeiterin um die 25 Jahre und einen kurz vor der Rente stehenden Mann um die 63 Jahre handeln, dann schlägt das Alter und nicht das Geschlecht!
Wer mehr als eine Generation älter ist, ist der Ältere. Zwei oder fünf Jahre Altersunterschied, zählen nicht als älter oder jünger. Das heißt, die junge Mitarbeiterin grüßt den so viel älteren Kollegen - und er reicht ihr die Hand.

Die Gruß-Regel zusammengefasst:

• der Mitarbeiter grüßt den Chef (beruflich)
• der Mann grüßt die Frau (privat oder beruflich gleiche Hierarchie)
• der Jüngere grüßt den Älteren (privat oder beruflich gleiche Hierarchie)

Verhalten im Meeting bei Personen mit unterschiedlichen Hierarchien?


Ein Chef kann es sich erlauben, souverän zu agieren, indem er die Mitarbeiterin zuerst grüßt. Obwohl sie als Erste grüßen müsste, verzichtet der Chef auf sein Vorrecht. Als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter ist es nicht angebracht, Regeln zu brechen.

Strategiemeeting. Freitagvormittag um 9 Uhr. Der Mitarbeiter betritt wenige Minuten vor Beginn des Meetings den Besprechungsraum. Sein Chef, ein Mann mit sehr gutem Benehmen und dessen Assistentin sind bereits anwesend. Der Mitarbeiter hat von seinem Vater gelernt: Ladys First!
Er steuert zielsicher auf die Assistentin zu, die neben ihrem Chef steht. Während der Mitarbeiter seine Hand der Frau entgegenstreckt, kommt blitzschnell auf halbem Weg die Hand vom Chef. Der Mitarbeiter denkt sich noch: „Wie unhöflich von ihm, mir die Hand zu geben, wo doch die Dame zuerst an der Reihe wäre.“ Zeitgleich denkt sich der Chef: „Wie unhöflich von meinem Mitarbeiter meiner Assistentin die Hand vorrangig zu geben. Ich bin hier der Chef und ich gebe ihm die Hand zuerst.“ Die Assistentin wiederum steht mittendrin und weiß nicht, wie ihr geschieht.
Sie zieht sofort die Hand zurück, weil sie diese aus einem Reflex heraus gezückt hat. Der Chef gibt sodann dem Mitarbeiter die Hand. Daraufhin wendet sich der Mitarbeiter der Assistentin zu, grüßt sie, worauf diese dem Mitarbeiter dann ihre Hand zum Gruße reicht. Somit hat die Reihenfolge schlussendlich doch gestimmt.
Dem Mitarbeiter ist nicht wohl dabei, weil er gelernt hat, es habe immer die Dame den Vorrang, zuerst begrüßt zu werden. Augenscheinlich wusste nur der Chef über das rechte Verhalten Bescheid, dass sein Mitarbeiter ihn als Chef zuerst zu grüßen hat und er erst dann dem Mitarbeiter die Hand gibt. Darauf erst wendet er sich der Assistentin zu. Beide, Assistentin und Mitarbeiter, glaubten sich im Recht, doch recht hatte in diesem Fall nur der Chef. Diese Feinheiten müssen Mitarbeiter wissen, um nicht ins Fettnäpfchen zu treten.

Auch ein Vorgesetzter wird immer zuerst einem anderen Vorgesetzten die Hand geben und erst dann dessen Assistentin. Bei mehreren Vorgesetzten wird zuerst die gleichrangige weibliche Vorgesetzte gegrüßt. Bei mehreren gleichrangigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: die weibliche Mitarbeiterin.

Eine angebotene Hand wird nicht ausgeschlagen, meine Herren!

Auch wenn es kaum einer weiß: „Man schlägt keine angebotene Hand aus.“ Noch schlimmer ist es, mit Unterton zu sagen: „Bitte, zuerst die Dame!“ Jedem Mann ist es so etwas von unangenehm, wenn seine angebotene Hand nicht angenommen wird. Doch selber macht er es immer wieder, glaubend, man mache das. Nein, man tut das eben nicht. Niemand wird sprichwörtlich für sein Verhalten geohrfeigt.
Daher: Sie nehmen die Ihnen gereichte Hand einfach an und übergehen dieses kleine Missgeschick. Und natürlich Chefs, die fremde Assistentinnen übersehen und nur deren Chef begrüßen, handeln äußerst respektlos.

Die Regel, die Hand zu geben, zusammengefasst. Es gibt:

• der Chef den Mitarbeiterinnen (zuerst ihnen) und dann den Mitarbeitern (beruflich)
• die Frau dem Mann (privat oder gleiche, berufliche Hierarchie)
• der Ältere dem Jüngeren (privat oder gleiche, berufliche Hierarchie)

Wenn die Hierarchie-Ebene nicht bekannt oder klar ist
Ob es sich um ein Vorstellungsgespräch oder um ein Gespräch beim Kunden handelt. Niemand geht forsch auf fremde Personen zu und reicht dem Nächstbesten die Hand zum Gruße. Außer man ist selbst Gastgeber und begrüßt seine Gäste. Um sich aufgrund der Unkenntnis der Hierarchie-Ebene nicht falsch zu verhalten, stellt man sich einfach kurz vor: „Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Peter Bauer“ und wartet ab, was passiert. Es wird sicher irgendjemand die Hand reichen. Und wenn nicht, hat man nichts falsch gemacht. Dann ist das so, wie es ist.

Eine für den Kunden unbekannte Kollegin kommt dazu


Vielleicht kennen Sie folgende Situation nur zu gut. Sie befinden sich auf einer Kundenveranstaltung im lockeren Small Talk mit Ihrem Kunden Peter Steinberger. Ihre Kollegin, Britta Heinisch, gesellt sich dazu. Sie fragt: „Darf ich mich dazustellen“, was mit einem „Ja“ von Ihrer Seite beantwortet wird. Ihr Kunde Peter Steinberger kennt sie nicht, daher muss jetzt vorgestellt werden.

Nun kommt die große Frage: „Wird der Kollegin der Kunde vorgestellt oder dem Kunden Ihre Kollegin?“
Es gilt immer: „Der Kunde ist ranghöher und hat immer Vorrang! Gesellte sich jetzt der Chef dazu, der den Kunden noch nicht kennt, wird dem Kunden der Chef vorgestellt - und nicht umgekehrt. Handelte es sich stattdessen um eine Kollegin gleichen Ranges aus einer Filiale, gilt immer: „Weiblicher Gast hat Vorrang.“

Kurzregel zum Vorstellen:

• dem Kunden der Chef / die Kollegin / der Kollege (beruflich)
• der Frau der Mann (privat oder gleiche, berufliche Hierarchie)
• dem Älteren der Jüngere (privat oder gleiche, berufliche Hierarchie)

Nicht jede Situation ist einfach zu handhaben.

Manchmal bleibt kaum Zeit zu überlegen. Oft bleibt nichts anderes übrig, als sensibel und achtsam zu reagieren, ohne andere vor den Kopf zu stoßen. Ist Ihr Chef hingegen sehr verletzbar, wenn er nicht als Erster vorgestellt wird, wägen Sie ab, ob es nicht besser wäre, die Etikette zu brechen, um Ihren Chef nicht vor den Kopf zu stoßen.

Ist Ihnen ein Missgeschick passiert, sprechen Sie es kurz an. Es tut Ihrem Ansehen nicht den geringsten Abbruch, zuzugeben, dass Sie nicht ganz sicher sind, ob das jetzt richtig war - oder nicht. Viel Erfolg beim Grüßen, Begrüßen und Vorstellen!