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Der Rhythmus des Jamba

Wer pfeift mir denn da hinterher? Der Ton von Großmutters gutem altem Telefon im Bus? Das Klingelinferno trifft uns meist plötzlich.
Sebastien Philipp | 13.06.2007
Der Rhythmus des Jamba

Wer pfeift mir denn da hinterher? Der Ton von Großmutters gutem altem Telefon im Bus? Mozarts Kleine Nachtmusik an der Supermarktkasse? Das Klingelinferno trifft uns meist plötzlich. Zudem ist das Klingeltonrepertoire der mobilen Kommunikation unerschöpflich. Neben Chart-Hits tummeln sich noch singende Fabelwesen, wie der grenzdebile „Crazy Frog“, „Sweety“ das gelbe Wuschelkücken, die unsere Ohren zu erfreuen versuchen. Wer hinter dem arglistigen auditiven Angriff steckt, lesen Sie in dieser Ausgabe von onPRESS.

Fabrik der Töne

Im Jahr 2000 ist den drei Brüdern Alexander, Oliver und Marc Samwer langweilig. Sie haben ihre Millionen schon gescheffelt und zwar in der Blütezeit der New Economy. Sie waren damals die Gründer der Online-Auktionsplattform „alando“. Diese verkauften sie nach nur 100 Tagen für geschätzte 43 Millionen Dollar in Aktien an den expandierenden Konkurrenten ebay. Nach ihrem ersten gelungenen Coup begeben sich die drei erstmal auf Weltreise. Doch die aktiven Gründer sind jung und haben Kraft getankt, um zu Beginn des neuen Jahrtausends neue Geschäftsideen zu suchen. Japan wird die Fundgrube der drei. Hier lieben die Menschen die mobile Kommunikation, bereits Millionen Menschen sind begeistert. Und zu einem guten Handy und der Demonstration des Konsums gehören in Japan Klingeltöne für Handys. Die Idee mit Handy-Klingeltönen zu handeln, trifft bei deutschen Investoren auf taube Ohren. Man schreckt vor der geringen Erfolgswahrscheinlichkeit zurück. Unerschrocken wagen es die Samwers, in Berlin das Unternehmen Jamba zu gründen. Das Hauptquartier der Soundpioniere ist eine ehemalige Getreidefabrik an der Spree. Sie bietet Raum für die Umsetzung der neuen Geschäftsidee. Das Ziel des Unternehmens: Der gnadenlose Angriff auf das Taschengeld handyverrückter Teenies.

Der neue Standort der Neugründer erinnert an die wilden New-Economy-Zeiten: In einem Loft laufen Angestellte in Jeans und T-Shirt herum, die ihre Ordner in Ikea-Möbeln verstauen. Man trifft Menschen mit bunten Haaren und Piercings in den Nasen. Im Gründungsjahr startet Jamba mit 48 Mitarbeitern, 2004 sind es bereits 360 und ein Jahr darauf über 480. Das Durchschnittsalter beträgt 26 Jahre. Die Brüder haben rund 50.000 Produkte, d.h. Klingeltöne, Geräusche, Handy-Games, digitale Logos und vieles mehr. Ein lohnendes Geschäft: 2004 geben die Deutschen rund 247 Millionen Euro für Handy-Klingeltöne aus. Und auch Musiker müssen verstehen, dass sie weniger Geld mit Singles verdienen als mit Klingeltönen ihrer Songs. Zum Beispiel liefert die irische Rockband U2 den passenden Klingelton gleich auf dem neuen Album mit. Weltweit bringen 2004 die Audio-Vergnügen circa drei Milliarden Euro ein. 2006 haben sich die Umsätze verdoppelt. Hinter den 30sekündigen Tönchen steckt ein Durchschnittspreis von zwei Euro.

Tötet Sweety

Viele, die dem Teenyalter entwachsen sind, fragen sich an dieser Stelle: „Warum kauft sich die Jugend lieber für zwei Euro einen kurzen Musik-Schnipsel statt den kompletten Song?“ Zu schnell wird dabei vergessen, was ein Klingelton für die jungen Kunden und einige spätpubertäre Berufsjugendliche bedeutet. Der Ton ist allerdings mehr als der Hinweis auf einen Anruf. Ein individueller Klingelton wirkt identitätsbildend – jeder kann hören, wer ich bin. Deshalb kreiert ein achtköpfiges Jamba-Team nicht nur Klingeltöne mit Chart-Hits unter der Leitung eines studierten Jazzpianisten, der diese elektronisch aufbereitet und auf ihre Essenz, das heißt auf den Refrain, reduziert. Zudem entwickelt Jamba die Cartoonstars für Handys, wie das berühmte Küken Sweety. Sie erhalten eine eigenen Melodie und individuellen Charakter. Eine faszinierende Welt schafft der Klingeltonanbieter, das zeigt nicht nur ihr immenser Erfolg. Denn diese Cartoons haben auch ihre Gegner. So heißt deren Schlachtruf: Tötet Sweety! Sie lassen im Internet von Usern das Kücken ermorden. Mit Werkzeugen, wie Kettensägen, Dynamit, Maschinengewehren oder schlichten Scheren gehen sie auf das Jamba-Küken los.

Diese radikale Gegenwehr der Sweety- bzw. mobilen Haustier-Hasser hängt nicht nur mit der Penetranz der öffentlichen Soundvielfalt zusammen, sondern auch an der Häufigkeit der Werbung für diese Klingeltöne. Bei MTV und Viva fragt man sich, was die störenden Musikvideos zwischen den Klingeltönen machen, denn zeitweise war das quirlige Kücken Sweety mit seiner Gesangsnummer rund 150 Mal am Tag zu hören und zu sehen. Zusammengenommen ist das eine dreieinhalbstündige Jamba-Werbung alleine auf Viva. Aber auch ganze zusammenhängende Werbeblöcke bestehen aus Klingetönen.Sie können bis zu 7 Minuten andauern. Der hohe Werbedruck resultiert aus der niedrigen Halbwertszeit der Klingeltöne von circa vier Wochen. Die Werbeaktivitäten werden weiter ausgeweitet, z.B. mit der Klingelton-Hitparade des Musiksender MTV2-Pop.

Der Mode-Ton

In knapp 20 Ländern ist Jamba schon vier Jahre nach der Gründung aktiv. Zudem werden immer neue Geschäftsfelder erschlossen. Was mit Klingeltönen, Logos und Bilder-Paketen anfing, wird nun auf Software und Videos ausgedehnt. Nun suchen die Samwer-Brüder neben den Investoren der ersten Stunde, zu denen Debitel, Electronic Partner und MediaMarkt-Saturn gehören, neue Investoren, um ihr lukratives Angebot auch in den USA anzubieten. Die Deutsche Bank in New York hat den Auftrag, einen Käufer für Jamba zu finden. Mitte 2004 konnte der Deal abgeschlossen werden. Das kalifornischen Unternehmen Verisign, das Inhalte und Infrastruktur an Mobilfunkbetreiber wie AT&T und Cingular verkauft, übernimmt die Schmiede der Ton-Schnipsel für 228 Millionen Euro. Nachdem die Übernahme gelungen ist, besetzt Jamba seit 2005 auch das Feld der Mobilfunkkommunikation. In Deutschland gelang es den drei Brüdern, eine Service-Kooperation mit dem bekannten Mobilfunkbetreiber E-Plus zu verabschieden. So kombiniert Jamba sein Prepaid-Karten-Angebot mit einer Handy-Versicherung und natürlich den obligatorischen Sounds und Bildern. Diesen Schritt wagen die drei, weil sie sich auf eine breite Basis stellen wollen. Somit hängt das Unternehmen nicht ausschließlich vom schnelllebigen Markt der Klingelton-Moden ab. Ob die Expansion funktioniert oder wir bald keine Klingelton-Charts mehr auf den Musiksendern hören, wird die Zeit zeigen.


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