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OpenBC/Xing geht an die Börse

Erreicht der Web 2.0-Hype jetzt Deutschland? ObenBC/Xing will 100 Millionen Euro erzielen - bei einem Umsatz von knapp 6 Millionen Euro
Berlecon Research GmbH | 30.11.2006

Nach den spektakulären Übernahmen von Web 2.0-Unternehmen wie MySpace oder YouTube in den USA, steht jetzt auch in Deutschland die erste große Web 2.0 Finanztransaktion ins Haus. Am 7. Dezember soll das Soziale Netzwerk für Geschäftskontakte Xing, vormals openBC, an die Börse gehen. Vorstandsvorsitzender Hinrichs schließt nicht aus, dass er an der Börse ein Volumen von über 100 Millionen Euro erzielen kann. Das ist ein hohes Vielfaches des Umsatzes von knapp 6 Millionen Euro, den das Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr erzielen konnte. Daher wird nun im Zusammenhang mit openBC/Xing von einem neuen Hype, von der Blase 2.0 in Deutschland gesprochen.

Von überzogenen Bewertungen wie in den USA, wo die News Corp für MySpace 580 Millionen Dollar zahlte und Google für YouTube 1,6 Milliarden Dollar in Aktien auf den Tisch legte, sind wir in Deutschland allerdings noch weit entfernt. Immerhin kann openBC ? pardon: Xing ? ein funktionierendes Geschäftsmodell vorweisen. Zwar sind nur etwa 13 Prozent aller Mitglieder zahlende Premiumnutzer. Aber gleichwohl konnte Xing seinen Umsatz mit diesen Nutzern im vergangenen Jahr deutlich von 1,6 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2004/2005 auf knapp 6 Millionen 2005/2006 steigern. Im vergangenen Quartal konnte dadurch erstmals ein positives Ergebnis erzielt werden. Keine schlechte Leistung in Anbetracht vieler anderer Internet-Dienstleister, die noch immer mit der Herausforderung kämpfen, ihre Dienste kostenpflichtig zu machen oder über Werbung entsprechende Einnahmen zu generieren.

Zudem wird nach unserer Einschätzung die Bedeutung von Social Networks in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Zentrale Erfolgsfaktoren für Social Networks ? heißen sie nun MySpace oder Xing ? sind erstens, eine kritische Masse an Nutzern zu gewinnen, um von Netzeffekten profitieren zu können, zweitens, die Nutzer langfristig zu binden und dies, drittens, durch attraktive Mehrwertdienste, die deutlich über die reine Community-Funktion hinausgehen, zu erreichen.

Mit seinen über 1,5 Millionen Nutzern hat Xing bereits eine kritische Masse erreicht und mit den Einnahmen aus dem Börsengang will das Unternehmen durch Zukäufe lokaler Netzwerke international weiter expandieren. "Auf diesem jungen Markt gewinnt, wer die größten Marktanteile hat", wird Hinrichs in der Computerwoche zitiert. Ausruhen kann sich Hinrichs auf seinen 1,5 Millionen Nutzern jedoch keinesfalls. Das Beispiel des deutschen Studien-Netzwerks StudiVZ zeigt beeindruckend, wie rasant schnell sich neue Netzwerke entwickeln und Marktanteile sich potenziell verschieben können. Das StudiVerzeichnis, die deutsche Version der in den USA sehr populären Plattform Facebook, konnte seine Mitgliederzahl von 60.000 im Juni 2006 auf 1 Million im November 2006 steigern. Zwar stellt das kostenlose Netzwerk für Studenten (noch) keine direkte Konkurrenz zu Xing dar, es zeigt aber, welche Dynamik Netzeffekte entfachen können.

Darüber hinaus schläft natürlich auch die Konkurrenz aus den USA nicht: Als wichtigster Konkurrent von Xing wird LinkedIn gesehen, das US-Pendant zu openBC, mit geschätzten 3 Millionen europäischen Nutzern. Der Vorteil von Xing gegenüber LinkedIn sind jedoch die deutlich aktiveren Nutzer. Nach Zahlen von comScore verbringen die Nutzer im Durchschnitt doppelt so viel Zeit auf Xing wie auf LinkedIn, schauen mehr Seiten an und nutzen mehr Features. Genau hier hat Xing die Chance, seine Mitglieder langfristig zu binden und in zahlende Kunden zu konvertieren.

Denn Xing lebt davon, dass Nutzer nicht nur ihr Profil und ihre Kontakte verwalten und neue Kontakte knüpfen können, sondern darüber hinaus über Xing direkt kommunizieren können, zum Beispiel durch die Integration von Skype. Sie nehmen zudem aktiv an Foren oder Events teil oder legen öffentliche und private Termine an. In Premium-Gruppen können Unternehmen darüber hinaus geschlossene Netzwerke für ihre Mitarbeiter und/oder Alumnis betreiben, so exisitiert beispielsweise ein Accenture Alumni Netzwerk bei Xing. Weitere Premium-Gruppen dieser Art entstehen derzeit. Zudem ist ab 2007 ein Marktplatz für Dienstleistungen, Aufträge und Jobs in Planung.

Entscheidend wird es in den kommenden Monaten sein, inwieweit Xing seine Community-Funktion genau hier durch das Angebot weiterer attraktiver Mehrwertdienste ergänzen kann, um möglichen Ermüdungserscheinungen seiner Nutzer entgegenzuwirken. Bereits 2004 berichteten wir in einem Berlecon-Spotlight über Social Networks wie openBC und die Ermüdungserscheinungen beim ersten US-Network Friendster. Schon damals stellten wir die Frage, ob die New Economy mit Social Software zurückkehrt. Auch wenn wir heute eher von Web 2.0 als von Social Software sprechen, das Fazit von damals ist heute noch aktuell: "Auch wenn der Bereich der Social Software bereits Anzeichen einer Hype-Blase aufweist, dürfte sich dieser Markt dennoch interessant entwickeln." Dito.

Nicole Dufft (nd@berlecon.de)