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Tagging - Schlagwörter erobern das Internet

Wie so oft schwappt aus den USA der neueste Trend auch langsam nach Deutschland.
Sven Przepiorka | 30.08.2005
Das Tagging. Tagging erlaubt das Zuordnen von frei definierbaren Schlagwörtern zu einzelnen Inhalten einer Website. Diese können beispielsweise Beiträge eines Weblogs, Wiki-Seiten, Bookmarks, Bilder, etc sein. Speziell entwickelte Aggregatoren sind in der Lage diese Tags automatisch auszuwerten und dann alle Beiträge zu einem Schlagwort automatisch auf einem Channel, wie beispielsweise einer Webseite oder einem RSS-Feed, zusammenzufassen. Wer sich für ein Thema interessiert, braucht nur noch die Channels der relevanten Schlagwörter regelmäßig beobachten und erfährt so automatisch, was zu diesem Thema momentan veröffentlicht wird.

Das Neue
Die Idee hinter dem Tagging ist nicht sonderlich neu, bringt jedoch einen entscheidenden Vorteil für das Arbeiten im Internet mit sich. Momentan können die meisten Webseiten nur über Suchbegriffe erschlossen werden. Doch bei Suchbegriffen kommt es darauf an, dass die exakte Schreibweise für den gesuchten Inhalt verwendet wird und zwar so, wie es auf der gewünschten Website hinterlegt ist. Bedauerlicherweise ist dies jedoch in den meisten Fällen nicht möglich und der Suchende kann häufig nur raten, wonach er genau suchen muss. Schwierig wird oft auch dann, wenn sich die Startseite einer Website häufig ändert und die von den Suchmaschinen erfassten Daten schnell veralten. Der Suchende meint, einen Treffer für seinen Suchbegriff gefunden zu haben, doch wenn er die Webseite dann aufruft, kann der jenen nicht dort finden.
Eine geringe Abhilfe können Webkataloge wie web.de schaffen, da hier die Website in einen thematischen Zusammenhang eingeordnet wird und dieser sich eher selten ändert. Problematisch ist dies jedoch auch, da die Einordnung meist hierarchisch geschieht und in der Regel nur die Eingangsseite der Website indiziert wird. Einzelne Beiträge einer Website bleiben unberücksichtigt.
Beim Tagging dagegen werden alle Inhalte durch die speziellen Aggregatoren indiziert und nur in eine einfache Liste von Schlagwörter eingeordnet. Zusammenfassende Webseiten wie beispielsweise Startseiten oder Archive bleiben in der Regel unberücksichtigt. Nur der eigentlich interessante Inhalt wird mit der dazugehörigen Webseite erfasst und indiziert. Da sich diese Seiten nur selten ändern, bleiben die Verweise darauf stets korrekt.
Eine interessante Erweiterung kann dabei noch sein, auf der Website eine spezielle Ansicht zur Verfügung zu stellen, die alle Schlagwörter und deren Häufigkeit anzeigt. Je häufiger ein Schlagwort auf der Website benutzt wird, desto größer wird es in der Liste dargestellt. So wird schnell klar, welche Schwerpunkt auf der Website zu finden sind.


Varianten
Es gibt zwei unterschiedliche Varianten beim Tagging. Zunächst können die gewünschten Inhalte durch den Autor mit Schlagwörtern versehen werden. Dies ist in der Regel auch sinnvoll, da der Autor den Inhalt und das thematische Umfeld am Besten kennt und so auch die zutreffendesten Schlagwörter verwendet werden kann. Nachteilig ist jedoch, dass die Leser für das gleiche Thema anders lautende Schlagwörter benutzt und daher die Inhalte vom Autor nicht finden wird.
Die andere Variante ist somit, dass der Leser den Inhalten die Schlagwörter zuordnet. Auf den ersten Blick sind diese Schlagwörter oft objektiver, da der Leser keinen weiteren Interessen unterliegt. Jedoch ist es für diese Variante unbedingt notwendig, dass eine Art Anreiz für die Vergabe von Schlagwörtern geschaffen wird. Ansonsten entwickelt sich die Sammlung von Schlagwörtern nur langsam.
Eine Kombination von beiden Varianten ist natürlich innerhalb einer Community ebenfalls denkbar.

Beispiele
Mittlerweile gibt es verschiedene Aggregatoren im Internet, die ihren Nutzern eine manuelle Verschlagwortung von eigenen und fremden Beiträgen ermöglichen. So den bekanntesten Anbietern gehört sicherlich del.icio.us, wo die eigenen Bookmarks verwaltet und mit Schlagwörtern versehen werden können. Hier dienen die Schlagwörter im wesentlichen als Ersatz für Kategorien. Zudem erhalten die Mitglieder die Möglichkeit, über die gleichnamigen Schlagwörter auch andere Inhalte mit ähnlicher Thematik bei fremden Nutzern zu finden. Auch beispielsweise Flickr setzt auf Tagging. Neben dem Speichern von Bildern ist dem Nutzer auch erlaubt, die Fotos mit Schlagwörtern zu hinterlegen.
Neben den Aggregatoren wird das Tagging aber auch von immer mehr Weblog-Systemen unterstützt, so dass die dortigen Beiträge sehr einfach mit Schlagworten direkt versehen werden können. Anbieter wie blogg.de bieten auf Basis dieser Schlagwörter dann Listen von Weblog-Beiträgen an, die aktuell mit dem Schlagwort hinterlegt sind. Mit RSS-Readern lassen sich dann spezielle Feeds zu den Listen abonnieren.
Eine umfassende Zusammenstellung von Schlagwörtern, die bei unterschiedlichen Anbietern hinterlegt worden sind, findet man bei taggling.de.

Probleme
Die systematische Verschlagwortung von Inhalten mit gleichen Schlüsselworten birgt einige Vorteile in der Theorie. Allerdings bringt sie leider in der Praxis auch einige Probleme mit sich. Das gravierendste Problem besteht allein darin, dass keine Instanz vorgibt, welche Tags benutzt werden dürfen und wie diese dann geschrieben werden müssen. Da keiner beim Tagging einem Zwang unterliegt und dadurch jeder seine Schlagwörter frei wählen kann, tritt sehr schnell der Fall ein, dass bei einem Aggragator zu einem Thema gleich mehrere unterschiedliche Schlagwörter zugeordnet werden.
Zum Beispiel umschreiben die Begriffe "Deutsche Bahn", "DB", "Bahn" und "deutschebahn" alle das Unternehmen Deutsche Bahn, das täglich tausende Menschen in seinem Zügen transportiert. Wie man sehen kann, bereiten allein schon die Groß-/Kleinschreibung, die Trennung von Wörtern oder auch Abkürzungen einige Probleme. So kann es schnell passieren, dass nur einen Bruchteil der Informationen gefunden wird, wenn nur ein Begriff beim einem Aggregator verfolgt wird.
Aus diesem Grund werden die besten Ergebnisse beim Tagging nur bei geschlossenen Systemen und entsprechender Disziplin bei der Vergabe von Schlagwörtern erreicht. Dies ist jedoch gleichzeitig mit hohem Aufwand verbunden. Die automatische Verschlagwortung steht dagegen leider noch am Anfang seiner Entwicklung und ist daher momentan auch nur dann erfolgreich anzuwenden, wenn die Inhalte einem fest umrissenen Themengebiet zuzuordnen sind. In der Regel ist dies jedoch im Internet nicht der Fall.
Eine Möglichkeit für dieses Problem wäre, wenn beispielsweise Weblog-Systeme selbstständig Vorschläge für ähnlich-lautende Tags unterbreiten. Auch das Zurückgreifen auf eine frei erhältliche Liste mit bereits festgelegten Schlagwörtern wäre durchaus denkbar. So könnte dem Wildwuchs von Schlagwörtern ein wenig entgegen gewirkt werden. Jedoch birgt auch diese Methode einige Risiken. Das Aufstellen eines Katalogs von Schlagwörtern, die Überwachung von deren Einhaltung und die Etablierung eines Genehmigungsverfahrens für neue Schlagwörter ist schwierig und wirkt vor allem dem einfachen, schnellen Tagging entgegen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass jedes Schlagwort noch für sich alleine dasteht. Es existiert keinerlei Verbindung zu den anderen Schlagwörtern. Nur durch manuelles Eingreifen und dementsprechend hohen Aufwand lassen sich weitere relevante Schlagwörter zuordnen.
Ein Problem, was in Zukunft noch wesentlich an Bedeutung gewinnen wird, ist der Missbrauch von Schlagwörtern. Es ist nicht festgelegt, welche und wie viele Schlagwörter für einen Inhalt erlaubt sind. So kann ein Autor seinen Inhalt beispielsweise mit zahllosen nutzlosen Schlagwörtern versehen, nur um Besucher anzulocken. Theoretisch wäre es möglich, dass jedes einzelne Wort eines Weblog-Beitrages auch als Schlagwort aufgelistet werden könnte. Die von den Aggregatoren geführten Listen von Schlagwörtern und Inhalten würden schnell unbrauchbar werden. Das Auftreten von Spam ist mittlerweile auch beim Tagging nur noch eine Frage der Zeit.

Fazit
Die Zuordnung von Schlagwörter ist momentan eine vielsprechende Idee, die in Kombination mit automatischer Suche und Verlinkung zu mehr Komfort bei bestimmten Anwendungen führen kann. Jedoch wirken sich die freie Verwendung von Schlagwörtern und die fehlende Kontrolle negativ auf das eigentliche Potenzial aus. Die Vorgehensweise gegenüber dieser Probleme wird letztendlich darüber entscheiden, ob sich die Verschlagwortung im Internet etablieren kann und dann auch den gewünschten Nutzen mit sich bringt.