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Container per Mausklick – Deutsche Reeder im Veränderungsmodus

Jeder zweite deutsche Reeder bereits stark von Digitalisierung betroffen. 84 Prozent rechnen mit wachsender Bedeutung von Onlineportalen.
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Für den Kurs der deutschen Seeschifffahrt bleibt die Digitalisierung in den kommenden Jahren ein zentrales Thema. Gut vier von fünf deutschen Reedern gehen davon aus, dass Online-Anwendungen für Kunden bald selbstverständlich sind und beispielsweise Schiffstransporte über Online-Portale gebucht werden können, wie eine aktuelle Branchenbefragung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zeigt. Gleichzeitig sehen die befragten Unternehmer aber auch Risiken durch neue Wettbewerber und neue digitale Technologien. So glaubt die Hälfte der Befragten, dass die zunehmende Verbreitung des 3D-Drucks die globalen Warenströme verändern und verringern wird. Und immerhin jeder vierte ist mittlerweile der Ansicht, dass Amazon und Co. künftig mit Schiffen unter eigener Flagge auf den Weltmeeren unterwegs sein werden – in der Vorjahresbefragung hielten dies erst 12 Prozent der Reeder für denkbar.

Digitalisierung mit zwei Geschwindigkeiten

Bislang sehen sich die befragten Reeder in durchaus unterschiedlicher Intensität vom digitalen Wandel erfasst. Während die Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren in der einen Hälfte der Unternehmen starke oder sogar sehr starke Veränderungen ausgelöst hat, sieht sich die andere Hälfte bislang weniger stark (41 Prozent der Befragten) oder gar nicht betroffen (10 Prozent).

„In großen Teilen der maritimen Wirtschaft hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Digitalisierung auch vor der Seeschifffahrt nicht haltmachen wird. Viele Unternehmen erkennen und nutzen bereits die Chancen, die etwa GPS-Tracking und eine digitale Logistik bieten.“
Claus Brandt, Leiter des Kompetenzzentrums Maritime Wirtschaft bei PwC


„Auf der anderen Seite wiegen sich aber noch immer zu viele Unternehmen in der trügerischen Sicherheit, dass die Digitalisierung an ihnen vorbeiziehen wird und sie ihre Geschäftsmodelle unverändert beibehalten können.“ Die bisherigen Erfahrungen der Unternehmen mit der Digitalisierung haben offenbar großen Einfluss auf die Beurteilung der weiteren technologischen Entwicklung. Für „überbewertet“ halten die Digitalisierung lediglich 16 Prozent der Befragten insgesamt. Hingegen stimmen dieser Aussage 30 Prozent der Unternehmen zu, die bislang nur geringfügig von der Digitalisierung betroffen waren.

Wachstum durch Technologieführerschaft


Weitgehend Einigkeit herrscht unter den Reedern darüber, dass sie mittelfristig neue Geschäftsfelder erschließen wollen oder müssen (71 Prozent). Unternehmen, die sich selbst eine hohe Digitalkompetenz bescheinigen (57 Prozent der Befragten), verfolgen dabei wesentlich aktivere Strategien als die Befragten, die sich selbst eher weniger gut für die Digitalisierung gerüstet sehen (43 Prozent der Befragten). So streben 29 Prozent der Unternehmen mit hoher digitaler Kompetenz eine Führungsrolle als Kopf einer Transportkette mit anderen Logistikdienstleistern an. Eine vergleichbare Funktion trauen sich hingegen nur 7 Prozent der weniger digital-affinen Unternehmen zu. „Viel wird davon abhängen, welche Unternehmen sich in den nächsten Jahren digital und damit zukunftssicher aufstellen können“, meint Claus Brandt. „Der Plattformeffekt, den wir schon jetzt in anderen Industrien beobachten, könnte auch in der Schifffahrt zum Tragen kommen. Größere Reedereien wären dann im Vorteil, weil sie über mehr Daten verfügen.“

Die relative Führungsstärke der vergleichsweise gut auf die Digitalisierung vorbereiteten Unternehmen zeigt sich auch darin, dass diese seltener einen Zusammenschluss mit Wettbewerbern anstreben (39 Prozent vs. 47 Prozent) und nur im Ausnahmefall den Anteil eigener Schiffe in der Flotte verringern wollen (7 Prozent vs. 18 Prozent). Dass technologisches Know-how in den Augen der deutschen Reeder immer wichtiger wird, zeigt auch ihre Einschätzung zur künftigen Bedeutung verschiedener Marktteilnehmer: Jeweils rund drei Viertel der Befragten geben an, dass Logistikunternehmen sowie Technologieunternehmen und Startups in Zukunft eine wichtigere Rolle innerhalb der maritimen Wertschöpfungskette spielen werden.

Konjunkturhorizont klart auf


Nachdem sich die wirtschaftlichen Perspektiven der Branche in den vergangenen Jahren stetig verschlechtert hatten, rechnen die befragten Reeder aktuell mit einem zaghaften Aufklaren der konjunkturellen Lage: Gut 70 Prozent prognostizieren für die kommenden fünf Jahre höhere weltweite Ladungsaufkommen. Steigende Erlöse in den nächsten zwölf Monaten erwarten gut 60 Prozent der Reeder – vor einem Jahr zeigten sich lediglich 35 Prozent optimistisch. Gestützt werden diese Erwartungen u.a. von einer verbesserten Auslastung: Aktuell berichten 81 Prozent der Reeder von voll beschäftigten Flotten, vor einem Jahr waren es nur 70 Prozent. „Bei den deutschen Reedern keimt die Hoffnung, dass die wirtschaftliche Talsohle erreicht sein könnte“, so PwC-Experte Brandt. „Auch wenn es sicherlich noch zu früh ist, um von einer Trendwende zu sprechen, so sind das doch gute Zeichen für die krisengeprüfte Schifffahrtsbranche.“

Auch die Arbeitsplatzprognose für die kommenden zwölf Monate ist freundlicher als vor einem Jahr. Während aktuell immerhin 56 Prozent der Befragten neue Mitarbeiter einstellen wollen, sagten dies in der Vorjahresbefragung nur 49 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der Unternehmen, die Personal entlassen wollen, von 20 Prozent auf 16 Prozent gesunken. Auch für die Schiffsbauindustrie könnten die wirtschaftlichen Erwartungen positive Folgen haben: 71 Prozent der Befragten planen die Anschaffung neuer oder zumindest gebrauchter Schiffe, während nur 43 Prozent Schiffe verkaufen wollen. Im Vorjahr wollten sich noch 59 Prozent von Schiffen trennen.

Bildquelle: fotolia / Björn Wylezich