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Niedrigqualifizierte können sich ihre Wunschstadt seltener leisten

Eine Studie des ZEW Mannheim kommt zu dem Ergebnis, dass Hoch- und Niedrigqualifizierte ganz ähnliche Städte bevorzugen.
Durchschnittliche Zahlungsbereitschaft in Prozent des Einkommens für städtische Annehmlichkeiten nach Bildungsniveau © Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW)
 

Im Fachkräftemangel buhlen Städte zunehmend um qualifizierte Arbeitskräfte. Einer höheren Lebensqualität wird dabei oftmals nachgesagt, Städten in diesem Kampf um Talente einen Vorteil zu verschaffen. Tatsächlich spielt die Qualität einer Stadt im Hinblick auf Familienfreundlichkeit, Infrastruktur, das Kulturangebot sowie die regionale Wirtschaftsdynamik eine große Rolle für die Umzugsentscheidungen von Arbeitnehmer/innen. Eine Studie des ZEW Mannheim, die von der Stadt Mannheim unterstützt wird, kommt zu dem Ergebnis, dass Hoch- und Niedrigqualifizierte ganz ähnliche Städte bevorzugen. Der geringere Anteil von Niedrigqualifizierten in attraktiven städtischen Lagen spiegelt somit vor allem wider, dass sich Niedrigverdienende diese bevorzugten Städte aufgrund hoher Lebenshaltungskosten seltener leisten können.

„Landläufig hält sich in Forschung und Politik die Annahme, dass man Hochqualifizierte beispielsweise durch ein verbessertes kulturelles Angebot in eine Stadt locken kann. Dafür gibt es aber bislang keine belastbaren Beweise“, sagt Prof. Dr. Melanie Arntz, Arbeitsmarktexpertin am ZEW Mannheim und Co-Autorin der Studie. Ein ZEW-Forschungsteam untersuchte deshalb Mithilfe eines experimentellen Forschungsdesigns, ob eine verbesserte Standortqualität tatsächlich Fachkräfte anzieht. Hierbei wurden die Probanden aufgefordert, zwischen zufällig generierten Jobangeboten in zwei fiktiven Städten zu wählen. Diese unterschieden sich nur im Verdienst und einer Reihe von Aspekten der lokalen Standortqualität, während alle anderen Aspekte wie Umzugskosten und Mieten gleich blieben.

Starke Wirtschaftsregionen sind gefragt

Die Wissenschaftler/innen stellen fest, dass Arbeitnehmer/innen durchschnittlich auf zwei bis acht Prozent ihres Einkommens verzichten würden, um in einer Region mit einer besseren Standortqualität zu leben. Entgegen der bisherigen Annahme unterscheiden sich Arbeitnehmer/innen dabei jedoch nicht aufgrund ihres Bildungsniveaus: Sowohl höher als auch niedriger Qualifizierte weisen ganz ähnliche Vorlieben auf.
Bei der Standortwahl steht für sie die wirtschaftliche Entwicklung einer Region im Vordergrund. Arbeitnehmer/innen würden auf rund acht Prozent ihres Einkommens verzichten, um in einer Region mit hohem Beschäftigungswachstum und vielen Firmengründungen zu leben. „Eine starke Wirtschaftsregion weckt die Hoffnung, zukünftig das eigene Einkommen steigern zu können und besser vor Arbeitslosigkeit geschützt zu sein“, erklärt Arntz.
 
Auch andere Dimensionen der Standortqualität erweisen sich als relevant. Für eine gute Schulqualität und eine ausreichend vorhandene Kinderbetreuung würden Arbeitnehmer/innen durchschnittlich auf sechs Prozent ihres Lohnes verzichten. Auch für eine bessere Infrastruktur in Form einer guten Verkehrsanbindung und verfügbarem Wohnraum nehmen sowohl höher als auch niedriger qualifizierte Personen im Durchschnitt sechs Prozent weniger Einkommen in Kauf. Ein reiches kulturelles Angebot ist Beschäftigten ebenfalls wichtig. Verglichen mit einer Region mit schlechtem Angebot würden sie für ein besseres Kulturangebot auf fünf Prozent ihres Lohns verzichten. Die Offenheit und Toleranz einer Stadt, erachten die Befragten hingegen als weniger wichtig. Für mehr soziale Vielfalt würden Beschäftigte nur zwei Prozent weniger Lohn akzeptieren, so die Ergebnisse der Untersuchung.

Niedriggebildete bei Angeboten benachteiligt

Die vorliegende Studie zeigt, dass hochqualifizierte Fachkräfte und weniger qualifizierte Arbeitnehmer/innen ganz ähnliche Städte als attraktiv bewerten. Die Mehrheit der Befragten ist unabhängig vom Bildungsniveau bereit, vergleichbare Anteile ihres Einkommens zu opfern, um in eine Region mit einer höheren Lebensqualität zu ziehen. „Dennoch beobachten wir in attraktiven städtischen Zentren oft einen deutlich höheren Anteil von qualifizierten Fachkräften. Die Gehälter für Hochqualifizierte sind in diesen Städten in der Regel deutlich höher, was die höheren Lebenshaltungskosten ausgleicht. Weniger qualifizierte Arbeitnehmer/innen können die höheren Kosten hingegen nicht vollständig durch ein höheres Einkommen kompensieren. Dadurch werden Arbeitnehmer/innen mit geringerem Einkommen oft vom Zuzug in attraktive Städte abgehalten, was letztlich die Unterschiede in den regionalen Lebensbedingungen verschärft“, erklärt ZEW-Ökonomin Arntz. Um dieser Kluft zwischen höher und niedriger gebildeten Arbeitnehmer/innen entgegen zu wirken, schlagen die Wissenschaftler/innen eine Wohnungspolitik vor, die bezahlbaren Wohnraum auch in attraktiven städtischen Lagen schafft.