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Profil: Sebastien Philipp, Köln
  |  07.01.2008

Die Wirtschaftskrieger von der Seine

Lancierte Boykottaufrufe, Schmutzkampagnen, Datenklau und feindliche Übernahmen – in der Welt der Wirtschaft herrscht Krieg.
Die Wirtschaftskrieger von der Seine

Lancierte Boykottaufrufe, Schmutzkampagnen, Datenklau und feindliche Übernahmen – in der Welt der Wirtschaft herrscht Krieg. In seinem „Brief an alle Franzosen“ vom April 1998 erklärte der französische Präsident Francois Mitterrand: „Betrachten wir die Weltwirtschaft, so sieht man ein Schlachtfeld vor sich, auf dem sich die Unternehmen einen gnadenlosen Krieg liefern. Gefangene werden nicht gemacht. Wer fällt, der stirbt.“ Hintergrund der Äußerungen: Zahlreiche französische Unternehmen und Produkte sind Opfer von Desinformationskampagnen, insbesondere aus den USA, geworden. Die zur Zeit bekannteste amerikanische Kampagne ist der Boykott französischer Produkte in den USA als Reaktion auf die ablehnende Haltung Frankreichs dem Irak-Krieg gegenüber.

Duell USA gegen Frankreich
Als Jean-Marie Messier, Chef des französischen Mischkonzerns Vivendi, im Jahr 2000 für 50 Milliarden US-Dollar das amerikanische Medienunternehmen Seagram (Universal Studios, Polygram) kaufte, wurde sein Unternehmen mit einem Schlag eine ernstzunehmende Konkurrenz für Mediengiganten wie Disney oder Viacom (MTV, Paramount Pictures). Mit diesem Angriff auf das kulturelle Erbe der USA avancierte er sofort zum Feind der Amerikaner. Sie wehrten jedoch den Gegner aus Frankreich nicht etwa mit einer plumpen Gegenattacke ab, sondern durch die Strategie der Umarmung. Sie nahmen den Franzosen herzlich auf, reichten ihn auf Partys herum. Messier genoss das Hochgefühl, zum globalen Jetset der Unterhaltungsindustrie zu gehören: Von nun an führte er seine Konferenzen auf Englisch, seine Pariser Zentrale am Triumphbogen baute er in ein kalifornisches Cybercafé um. Zudem legte er sich einen Wohnsitz in New York zu. Doch während die Amerikaner ihm mit der einen Hand auf die Schulter klopften, hatten sie bereits mit der anderen ihr Messer gezückt: Sie lancierten Gerüchte über Bilanzfälschungen, Enthüllungen über Milliardenschulden und streuten Informationen über sein 17.5 Millionen Dollar teures Appartement an der Park Avenue in New York. Die Amerikaner hatten ihn gezielt so stark amerikanisiert, dass er bei seinen national denkenden Landsleuten alle Unterstützung verlor. Sie gewannen das Gefühl, dass er die französische Kultur zugunsten der amerikanischen opferte. Zwei Jahre nach seinem Mega-Deal wurde er fristlos entlassen.

Schmutzkampagnen und Gerüchte werden vor allem über die elektronischen Medien lanciert. Mitte der 90er Jahre ist der französische Konzern Total zum Ziel einer solchen Kampagne geworden. Dem Ölgiganten gelang es – zum Ärger der amerikanischen Konkurrenz – einen Vertrag mit der Militärregierung von Myanmar über die Förderung von Gas im Yadana-Gasfeld zu schließen. Schon bald sah sich Total mit dem Vorwurf konfrontiert, in Myanmar die Menschenrechte zu verletzen. In Zusammenhang mit dem Bau einer Gas-Pipeline, die durch Myanmar zur thailändischen Grenze führt, seien bei der Konstruktion einer Eisenbahnlinie Zwangsarbeiter eingesetzt worden, hieß es. Über mehrere Jahre ist der Konzern deswegen angegriffen worden – vor allem von Menschenrechtsgruppen, aber auch – so französische Geheimdienstler – von der amerikanischen Konkurrenz. Die Anschuldigungen sind vor allem über das Internet (zum Beispiel http://totaloutofburma.blogspot.com) verbreitet worden. Dabei war nicht alles falsch, was Total vorgeworfen wurde – für solche Desinformationskampagnen ist eine Mischung aus falschen und wahren Einzelheiten typisch.



Einmalig in Europa
Um Frankreichs Managern die Möglichkeit zu geben, sich Strategien anzueignen, wie sie dem in Folge der Globalisierung zunehmend aggressiven Wettbewerb begegnen können, gründeten französische Wehrexperten und Geheimdienstler 1997 die École de Guerre Économique (www.ege.fr), eine Hochschule für Wirtschaftskriegsführung. Die staatlich anerkannte Institution ist eine Unterabteilung der renommierten Pariser Managerschule ESLSCA und wird vom französischen Verteidigungsministerium sowie der halbstaatlichen Firma Défense Conseil International unterstützt. Die EGE ist das europäische Gegenstück zur School of Information Warfare an der Universität Georgetown in Washington und damit die einzige Einrichtung dieser Art in Europa. Ziel der konspirativen Hochschule ist die Ausbildung in Angriffs- und Verteidigungsmethoden, denen Unternehmen und Regierungen im Wettlauf der Globalisierung ausgesetzt sind. Die Akademie der Wirtschaftskrieger bereitet jährlich 50 Betriebswirte, EDV-Ingenieure, Juristen und Jungmanager zehn Monate lang auf den Informationskrieg des 21. Jahrhunderts vor. 10.000€ kostet die Ausbildung. Bewerber müssen ein abgeschlossenes Hochschulstudium oder fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen. Daneben bietet die Agentenschmiede auch berufsbegleitende Programme für Führungskräfte an. Die Absolventen kommen meist bei Beraterfirmen oder bei großen Konzernen in den Competitive Intelligence-Abteilungen unter. Viele der rund 300 Absolventen, die die Hochschule seit 1997 besucht haben, bekleiden heute Führungspositionen in französischen Großunternehmen; in zahlreichen europäischen Firmen sind Absolventen der Schule vertreten.



Ausbildung in Competitive Intelligence
Statt auf Verfolgungsjagden im Superflitzer, gefährliche U-Boot-Einsätze und die Verwendung explodierender Kugelschreiber werden die französischen James Bonds in einem unscheinbaren Gebäude in einem Hinterhof des 7. Pariser Arrondissements in der Rue Bougainville (zwischen dem Eiffelturm und der altehrwürdigen École Militaire gelegen) aufs Lauschen, Täuschen, Kopieren, Gerüchte ausstreuen und auf Medienkampagnen spezialisiert. Deshalb lautet einer der Wahlsprüche der École de Guerre Économique: "Die schärfste Waffe ist eine falsche Behauptung, die wahr klingt." Vermittelt wird das Wissen von Lehrpersonal mit einschlägiger Erfahrung: Ranghohe Geheimdienstoffiziere wechseln sich mit französischen Diplomaten, Managern aus französischen Großkonzernen ab, aber auch Privatdetektive teilen ihr Wissen mit. Für den Informationsunterricht am Computer hat die Schule Spezialisten aus der Hackerszene rekrutiert. Die Wirtschaftskrieger lernen die Kunst, Informationen zu gebrauchen und die schwachen Stellen des Gegners zu erkennen. Ihre Seminare tragen Namen wie “Einflussmanagement über das Internet“, „Verhandlungsstrategien“, „Geheimdienstgeschichte“. Die Studenten probieren das Gelernte an aktuellen Störangriffen auf französische Unternehmen in Rollenspielen gegeneinander aus: Erst gilt es, den Angreifer zu identifizieren. Dann wird ein Szenario für einen Gegenangriff ausgearbeitet. Die Studenten beraten dabei auch die Competitive Intelligence-Abteilungen der betroffenen französischen Unternehmen.



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