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Netflix oder iversity: Digitalisierung und das Prinzip Selbstverantwortung

Warum Mitarbeiter selbst aktiv werden und in Lebensarbeitszeit denken sollten.
Lutz Klaus | 02.09.2019
Netflix oder iversity: Digitalisierung und das Prinzip Selbstverantwortung © Unsplash / Bruce Mars
 
„Ja ich weiß es ist wichtig, aber ich bin gerade zu beschäftigt“ ist eine beliebte Aussage von Mitarbeitern, wenn es um Weiterbildung in Sachen Digitalisierung und Datenkompetenz geht. Das Thema ist in den Köpfen drin, jedoch fehlt die Dringlichkeit zum Handeln. Vergangene Erfolge und langjährige Erfahrung tragen weiterhin dazu bei, dass notwendige persönliche Weiterentwicklungen aufgeschoben werden.

Digitalisierung hat viel mit Selbstbedienung zu tun und wenn es um die berufliche Zukunft geht mit Selbstverantwortung. Jeder Mitarbeiter ist als Unternehmer in eigener Sache gefragt, um sicherzustellen, dass sie oder er auch in Zukunft die Anforderungen des Marktes erfüllt. Um in der Zukunft erfolgreich zu sein sind andere Verhaltensweisen und Fähigkeiten notwendig. Das World Economic Forum geht in seinem Report „The Future of Jobs Report 2018” detailliert auf zukünftige Anforderungen ein. Es spricht sogar von einem Umschulungsimperativ: „Bis 2022 werden nicht weniger als 54% aller Mitarbeiter eine signifikante Umschulung und Weiterbildung benötigen. Zu den Fähigkeiten, die bis 2022 weiter an Bedeutung gewinnen, gehören analytisches Denken und Innovation sowie aktive Lern- und Lernstrategien.“

Unternehmen sind zur erfolgreichen Gestaltung der Digitalisierung darauf angewiesen, dass ihre Mitarbeiter ausreichend qualifiziert sind, stoßen aber auch an Grenzen. Roman Götter vom Fraunhofer Institut hat erst kürzlich fehlende Skills bei Managern und Fachkräften angeprangert und dass Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht ausreichend auf die Digitalisierung vorbereiten. Qualifikation kann nur gelingen, wenn beide Seiten aktiv werden. Aus vielen Gesprächen kann der Autor bestätigen, dass dieses Umdenken bei vielen noch nicht stattgefunden hat und Weiterbildung als Bringschuld des Unternehmens gesehen wird. Für eine andere Denkweise sprechen viele Gründe:

1. Wer steigt heute noch in der Ausbildung oder nach dem Studium bei einem Unternehmen ein und bleibt dort bis zur Rente? Viele Arbeitnehmer bleiben nur kurze Zeit und ziehen dann weiter. In einem Gespräch erzählte mir eine Führungskraft, dass er einige kürzere Aufenthalte bei Firmen mittlerweile als Projekte in seinem Lebenslauf definiert was deutlich besser ankäme.

2. Digitales Knowhow wird heute vorausgesetzt und wenn es um die Frage geht welche Kenntnisse in Zukunft relevant sind werden wie beschrieben oft Datenkompetenz sowie analytisches Denken und Innovation genannt. Nicht nur bei Wechseln von Vorgesetzten oder Arbeitgebern können Lücken aufgedeckt werden, die sich negativ auf die Karriere oder Einstiegschancen auswirken.

3. Digitalisierung ist ein Brandbeschleuniger. Entwicklungen verlaufen oftmals exponentiell und nicht linear. Wer nicht rechtzeitig agiert spürt die Konsequenzen, wie wir das bei Banken und anderen Branchen schmerzhaft erfahren müssen. Wer jetzt noch denkt „Das betrifft mich nicht“ liegt falsch und wähnt sich in trügerischer Sicherheit.

Was kann also getan werden?

Mitarbeiter sollten sich als Manager ihrer eigenen Karriere sehen und wie eine Führungskraft denken. Effektive Führung konzentriert sich auf die Erreichung operativer Ziele und die Planung sowie Entwicklung einer Strategie für die nächsten Jahre meistens als Fortschreibung des bekannten Geschäftsmodells. Vorausschauende Leiter sind darüber hinaus offen für das Neue und Unbekannte in der Zukunft. Digitalisierung in ihrer Breite und die daraus resultierenden Chancen und Gefahren gehören zu Letzterem.

Eine Frage an die Leser: Wenn Sie 100% Ihrer Zeit aufteilen sollten, wieviel Zeit verwenden Sie für jeden der drei Bereiche? Viele denken in Zeiträumen von 1-2 Jahren. Sie konzentrieren sich hauptsächlich auf den ersten Teil. Vorausschauende Führungskräfte investieren hingegen einen größeren Teil in Letzterem. Sie akzeptieren die Unsicherheit in dem Bestreben, auf zukünftige Entwicklungen optimal vorbereitet zu sein. Anstelle der üblichen Vorgehensweise sollten Mitarbeiter daher längerfristig denken. Was muss ich tun, um mit meinem Unternehmen und auch persönlich noch in 5 – 10 Jahren erfolgreich zu sein? Denken Sie eher in Lebensarbeitszeit als in kurzen Planungszyklen.

• Zweitens ist es wichtig neben der Notwendigkeit auch die Dringlichkeit zu sehen und zu handeln. Aus persönlichem Interesse sollte das Thema im Unternehmen und bei Vorgesetzten adressiert und aktiv nach Unterstützung gefragt werden. Im Zweifelfall sollte jeder für sich aktiv werden. Es geht darum, Initiative zu übernehmen, um die notwendigen Kenntnisse zu erwerben. Neben Workshops und Schulungen von Experten gibt es eine Vielzahl von, teilweise kostenlosen, Angeboten im Internet, beispielsweise von iversity, Coursera, Udacity oder auch auf YouTube. Ein solches Engagement liegt zudem auch im Interesse jedes Arbeitgebers, die unternehmerisch denkende Mitarbeiter benötigen, um die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten.

• Drittens sollte Weiterbildung als sinnvoller und spannender Zeitvertreib gesehen werden. Viele Menschen verbringen Stunden auf Netflix oder mit der Playstation – und bezahlen dafür. Neben gutem Storytelling lockt die Aussicht, einfach mal ausspannen zu können und in andere Welten einzutauchen. Online-Lernen ist in gewisser Weise auch Storytelling. Der Begriff ‚Edutainment‘- eine Kombination aus "Education" und "Entertainment" kann Lernende genauso motivieren wie eine unterhaltsame Serie. Es kann der Schlüssel sein, einen Online-Kurs zu starten und am Ende auch noch ein Zertifikat zu erhalten. Als Arbeitnehmer in der heutigen Arbeitsumgebung gewinnt das Selbstlernen immer mehr an Bedeutung. Online-Lernen ist eine der einfachsten Möglichkeiten, neue Fähigkeiten zu lernen - zu Zeiten und in der Geschwindigkeit, die individuell passen. Videobasiertes Online-Lernen erleichtert das Denken und Lösen von Problemen, indem es Konzepte demonstriert, die ansonsten abstrakt sind. In einem Online-Kurs haben die Lernenden zudem die Möglichkeit, das Gelernte an einem sicheren Ort zu üben und Feedback zu erhalten, das sie auf ihren täglichen Job anwenden können. Eine Online-Lernplattform bietet auch soziales Lernen. Das bedeutet, dass Teilnehmer nicht allein lernen, sondern mit anderen Kursteilnehmern. Ihr Lernen ist nicht passiv, sondern sozial und interaktiv mit der Chance sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, neue Kontakte zu gewinnen und auch auf diese Weise die eigene berufliche Zukunft positiv zu beeinflussen.


Der Autor beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Unternehmen und Mitarbeiter. 2018 erschien sein Buch „Data-Driven Marketing und der Erfolgsfaktor Mensch“, 2019 der Online-Kurs „Data-Driven Marketing erfolgreich umsetzen“.