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Pilz-Limo für Europa!

In tiefster fränkischer Provinz liegt ein Ort namens Ostheim. Ein Luftkurort mit engen Gassen, 3.700 Einwohnern und zwei Brauerein.
Sebastien Philipp | 07.03.2007
In tiefster fränkischer Provinz liegt ein Ort namens Ostheim. Ein Luftkurort mit engen Gassen, 3.700 Einwohnern und zwei Brauerein. Normalerweise kein Ort an dem man das Potential für wegweisende Innovationen erwarten würde. Der Schein trügt, Ostheim ist der Geburtsort der ersten gebrauten Biolimonade.

Der Tüftler von Ostheim
Im verschlafenen Ostheim arbeitet ein Mann seit einigen Jahren unaufhörlich daran, ein völlig neues Getränk zu entwickeln. Getrieben vom stetig sinkenden Bierkonsum, unter dem die 1827 gegründete Familienbrauerei seiner Frau leidet. Um die Existenz seiner Familie zu sichern, intensiviert Dieter Leipold in dem Privatlabor, das er sich gleich neben dem ehelichen Schlafzimmer eingerichtet hat, seine Forschungsarbeit. Bereits seit den achtziger Jahren sucht er nach einer Alternative zu den gebrauten alkoholhaltigen Getränken. Dabei richtet sich der Blick des Tüftlers, der schon das erste zapffähige Weizenbierfass mitentwickelte, auf die Suche nach Bakterien, die den Zucker nicht zu Alkohol, sondern zu Gluconsäure vergären. Leipolds Ziel ist es, ein ökologisch gebrautes, aber dennoch alkoholfreies Erfrischungsgetränk herzustellen – eine biologische Limonade.

Der rettende Pilz
1995 gelingt ihm dann endlich der Durchbruch. Leipold gewinnt spezielle Bakterien aus dem asiatischen Kombucha-Pilz, der in China schon seit mehr als 2200 Jahren zur Teezubereitung verwendet wird. Diese Bakterien vergären bei der Fermentation den Zucker im Braumalz nicht zu Alkohol, sondern wandeln ihn in wertvolle Gluconsäure um. Mit den Mineralstoffen des Wassers reagierend, bindet die Gluconsäure Calcium und Magnesium in einer Form, die der Körper gut aufnehmen kann. Nach der Gärung wird das Getränk filtriert, mit Kohlensäure angereichert und abgefüllt. Durch die Beimischung natürlicher Extrakte von Früchten und Kräutern werden der Öko-Limonade ihre feinherben, fruchtigen Geschmacksnoten verliehen: Holunder, Litschi oder Kräuter.

Was das Gesetz nicht kennt...
Mit Hilfe eines Landschlossers und seines Stiefsohnes baut Leipold seinen eigenen Gärungsreaktor aus Schrott, bei dem die Schläuche mit Isolierband geflickt sind. Ganz ohne Computersteuerung produziert er damit seine erste biologische Limonade, die 1995 unter dem Namen Bionade auf den Markt kommt. Doch zunächst hatte die natürlich gebraute Alternative zu den industriell gefertigten Erfrischungsgetränken noch einige bürokratische Hürden zu überwinden. Das Lebensmittelrecht kennt nämlich keine gebraute Limonade. Die Beamten konnten sich lange Zeit nicht darauf einigen welche Bezeichnung die Bionade tragen dürfe. Eine Limonade, die als Mischgetränk definiert wurde, konnte sie durch die Vergärung von Wasser und Malz nicht sein. Nach siebenmaliger Etikett-Änderung steht nun „Biologisches Erfrischungsgetränk“ auf den Flaschen. Leipold sichert sich seine Erfindung durch zwei Patente und lässt sich durch ein GfK-Gutachten gute Marktchancen bestätigen. Doch er muss schnell erkennen, dass die Aussagen eines Gutachtens und der tatsächliche Erfolg auf dem Markt zwei unterschiedliche Dinge sind. Sechs große deutsche Brauerein lehnten das innovative Produkt ab und auch die Verkostungen in Sportzentren und Kurkliniken brachten nicht den erhofften Durchbruch. Erst 1997 gelang es ihm, den Getränkehändlerverbund Geva für sein Erfrischungsgetränk zu begeistern.

In aller Munde
Schon bald ist die Bionade in Deutschland in aller Munde. Als erstes listen das Getränk die norddeutsche Drogeriekette Budnikowsky und der Lebensmittelhändler Rewe. Durch eine Logistik-Kooperation mit Mineralbrunnen Rhönsprudel erobert Bionade die Regionen Deutschlands. Von dort aus ging es in den Olymp der Getränke-Riesen wie Coca-Cola oder Handelsketten wie Edeka oder Metro vertrieben. Als die Mitarbeiter von Coca-Cola die Brauerei besichtigen, staunten sie nicht schlecht über die alte Abfüllanlage. Seit 2003 bahnt sich auch internationaler Erfolg an. Der Export nach Österreich und in die Schweiz läuft, zudem unterzeichnete die Familie auch ein Lizenzabkommen mit der belgischen Brauerei Alken-Maes. Das Auslandsexperiment gelingt: Mutterkonzern von Alken-Maes, der britische Brauerei-Gigant Scottish & Newcastle, bietet Bionade den Vertrieb in Großbritannien an. Ostheim goes Great Britain.

Die Wohlfühl- und Wellnesswelle gibt der Bio-Brause Auftrieb. 2005 setzt Bionade 30 Millionen Flaschen ab. Das bedeutet ein Wachstum gegenüber dem Ausstoß in 2003 von über 1000 %. Biogroßhändler staunen über diesen Erfolg. Die Nachfrage nach Bionade ist gewaltig, so dass die drei Geschmacksrichtungen um die Variante Ingwer-Orange erweitert wurden und der Kistenhersteller nicht mit der Fertigung nachkommt. Die schärfsten Konkurrenten von Bionade auf dem Markt der alkoholfreien Wellnessdrinks sind Molkegetränke, Sojadrinks und weitere Near-Water-Produkte. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Bionade langfristig etabliert oder als modisches Trendgetränk wieder verschwindet. Der Erfolg steigt den Machern nicht zu Kopf: Ein Umzug aus der Provinz in ein urbanes Zentrum steht nicht zur Debatte. Denn wenn es in Ostheim nicht so langweilig gewesen wäre, hätte man die Bionade nach Auskunft der Limonadeninnovators nie entwickelt.

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