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Deutsche Banken erwarten schlechtere Geschäftslage und Jobabbau

Bankmanager rechnen mit Zuspitzung der Schuldenkrise. Europaweite Branchenkonsolidierung prognostiziert.
Ernst & Young GmbH | 22.01.2013
Deutschlands Banken gehen skeptisch in das neue Jahr. Fast jedes zweite Institut rechnet damit, dass sich die deutsche Binnenkonjunktur in den kommenden Monaten eintrübt, nur vier Prozent rechnen mit einer Erholung. Passend dazu erwartet nur jede vierte Bank, dass sich die eigene Geschäftslage in den kommenden Monaten verbessern wird, fast 40 Prozent der Institute rechnen dagegen mit einer Verschlechterung. Hauptgrund: Nach Ansicht der deutschen Institute ist die Schuldenkrise noch lange nicht ausgestanden. Europaweit zeigen sich nur die polnischen Banken noch pessimistischer.

Entsprechend zurückhaltend fallen auch die Prognosen für die weitere Entwicklung der Beschäftigung aus: Vier von zehn Banken wollen die Zahl der Beschäftigten reduzieren, nur 18 Prozent planen, zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. In den kommenden Monaten dürfte es also zu einem Stellenabbau im deutschen Bankgewerbe kommen.

Die Kreditvergabe an Unternehmen soll unter den schlechten Aussichten allerdings nicht leiden – im Gegenteil: Vor allem mittelständische Unternehmen sollen leichter an neue Kredite kommen.

Das sind die Ergebnisse des aktuellen „Bankenbarometers“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Für die Studie wurden 269 Banken in mehreren europäischen Ländern befragt, darunter Institute aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Skandinavien und der Schweiz. In Deutschland nahmen 50 Banken an der Umfrage teil.

Weitere Belastungen wegen Schuldenkrise
Als eine Folge der Schuldenkrise in der Eurozone rechnen die deutschen Banken in den kommenden Monaten mit stärkeren Belastungen, zum Beispiel steigenden Kreditausfallraten oder Abwertungen. Fast jedes dritte Institut geht davon aus, dass die Auswirkungen der Krise auf den Bankensektor in den nächsten Monaten sogar noch zunehmen werden – nur 16 Prozent der Banken erwarten, dass sich die Auswirkungen abschwächen werden. Im Ausland sieht es ähnlich aus: Europaweit rechnen 35 Prozent der Banken mit stärkeren Belastungen als Konsequenz der Krise, 20 Prozent gehen davon aus, dass es weniger Probleme geben wird. Vor allem spanische, italienische und französische Institute zeigen sich pessimistisch.

Auch die zunehmende Regulierung macht den Kreditinstituten zu schaffen: Strengere Anforderungen an Liquiditätsreserven und Sicherheiten erschweren das Geschäft und bremsen die Ertragsentwicklung: „Der deutsche Bankensektor ist gezwungenermaßen auf Schrumpfkurs“, stellt Claus-Peter Wagner, Managing Partner Financial Services Deutschland bei Ernst & Young, fest. „Auch eine steigende Risikovorsorge und die historisch niedrigen Zinsen drücken die Gewinne.“ 2013 werde daher ein schwieriges Jahr für die deutschen Banken. „Vor den Banken liegen magere Jahre. Daher werden die kommenden Monate von Restrukturierungen, Kostensenkungen und dem Abbau von Risiken geprägt sein.“

Europaweite Konsolidierung wahrscheinlich
Für den europäischen Bankensektor rechnen 80 Prozent der deutschen Geldhäuser kurzfristig mit weiteren Problemen. Immerhin: Die meisten Institute sehen diese Probleme auf einzelne Länder oder Banken begrenzt. Nur 10 Prozent der deutschen Banken erwarten flächendeckende Schwierigkeiten in der gesamten Branche. Damit sind sie optimistischer als ausländische Institute.

Europaweit rechnet fast die Hälfte der Banken mit einer erheblichen Konsolidierung der Kreditwirtschaft, insbesondere Institute aus der Schweiz, Spanien und Österreich. Unter deutschen Banken geht dagegen lediglich ein Drittel von einer Konsolidierung des heimischen Sektors aus. Im Gegensatz zu Banken aus anderen Ländern rechnen deutsche Institute überdies erst mittelfristig damit, das heißt innerhalb der nächsten ein bis drei Jahre. Europaweit geht jede dritte Bank, die eine Konsolidierung erwartet, davon aus, dass es schon in den kommenden zwölf Monaten so weit sein wird.

Retail-Banking gewinnt an Bedeutung
Die größten Hoffnungen setzen deutsche Institute auf das Retail-Geschäft. Mehr als 60 Prozent sehen dort in den kommenden Monaten gute bis sehr gute Chancen. Auch für das Einlagengeschäft, das Firmenkundengeschäft und das gehobene Privatkundengeschäft sind die Aussichten in Deutschland nach Ansicht der Befragten eher gut. Die Perspektiven für die Transaktionsberatung, Emissionen von Aktien oder Anleihen sowie Wertpapierdienstleistungen bewerten die Institute dagegen schlecht. „Die Banken brauchen trotz Zwangsschrumpfung dringend neues Geschäft“, sagt Dirk Müller-Tronnier, Leiter Banking & Capital Markets bei Ernst & Young. „Die Herausforderung besteht darin, tragbares, stabiles, seriöses Kreditgeschäft zu generieren. Das werden nicht alle Institute schaffen.“ Eine Kreditklemme sei derzeit nicht zu befürchten: Obwohl mehr als die Hälfte der deutschen Banken ihre Bilanzen verkleinern will, planen 38 Prozent, ihre Kreditvergabe auszubauen. Lediglich 14 Prozent der Geldhäuser wollen in den kommenden Monaten weniger Kredite vergeben.

Boom bei Immobilienkrediten
Haupttreiber des Retail-Segments sind nach Ansicht der deutschen Banken private Immobilienkredite. Zwei von drei Instituten erwarten, dass die Nachfrage nach solchen Darlehen in den kommenden Monaten weiter steigen wird. Das könnte Befürchtungen nähren, dass sich auf dem Immobilienmarkt eine Blase bildet. „Die Preise für Objekte in Top-Lagen sind enorm gestiegen. Ob sie noch gerechtfertigt sind, ist schwer zu sagen“, sagt Müller-Tronnier. „Jedenfalls müssen die Banken nun mit gutem Augenmaß an Immobilienkredite herangehen.“ Als zweiten Treiber im Retail-Geschäft sehen Banken für die kommende Zeit Anlageprodukte. Mehr als die Hälfte der Institute rechnet damit, dass diese verstärkt nachgefragt werden.

Auch das Geschäft mit Firmenkunden soll sich weiter beleben: Fast die Hälfte der Banken erwartet, dass die Nachfrage bei Firmendarlehen anziehen wird. Nur 13 Prozent der Institute gehen davon aus, dass sie sinkt. Europaweit rechnen nur 35 Prozent der Banken mit steigender Nachfrage bei Firmendarlehen, 25 Prozent hingegen mit einem Rückgang. Für alle anderen Firmenkundenangebote, etwa Anleiheemissionen, Absicherungsprodukte oder Börsengänge, prognostizieren deutsche Bankmanager allerdings sinkenden Bedarf auf Kundenseite und sind dabei noch pessimistischer als ihre europäischen Kollegen.

Einige Branchen werden trotz der erwarteten Belebung im Firmenkundengeschäft größere Probleme haben, an neue Kredite zu kommen: Für Unternehmen der Finanz-, Energie- und Transportindustrie wird in den kommenden Monaten eine restriktivere Kreditvergabe erwartet. Europaweit wird es nach Einschätzung der Banken vor allem bei Bauunternehmen und im Bereich Gewerbeimmobilien zu einer restriktiveren Kreditvergabe kommen.

Job-Abbau setzt sich fort
Die in Deutschland überwiegend guten Aussichten im Kreditgeschäft können die grundlegenden Probleme der Branche indes nicht kompensieren. 42 Prozent der deutschen Banken planen deshalb, in den kommenden Monaten Personal abzubauen – vor allem in der Verwaltung. Nur 18 Prozent wollen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Europaweit ergibt sich ein ähnliches Bild: 45 Prozent der Institute wollen Stellen abbauen, nur 21 Prozent planen, neues Personal einzustellen. In den Niederlanden und in Großbritannien ist der Anteil der Banken, die ihre Belegschaft reduzieren wollen, besonders hoch. „Der steigende Konkurrenzdruck führt auch bei Banken, die nicht durch unmittelbaren externen Druck dazu gezwungen sind, zu einem Personalabbau“, sagt Wagner.

Lob für Berlin, Skepsis für Brüssel
Der Bundesregierung geben die deutschen Banken kaum Schuld an der Misere. Im Gegenteil: Sie zeigen sich mit deren Handeln in der Staatsschuldenkrise überwiegend zufrieden: 60 Prozent bewerten die Arbeit der Bundesregierung als positiv. Auch die Arbeit der Bundesbank wird von fast jedem zweiten deutschen Institut gelobt, nur 12 Prozent zeigen sich kritisch. Die Institute wollen keine stärkere Europäisierung: 46 Prozent der deutschen Banken lehnen eine europäische Bankenunion kategorisch ab. Weitere 20 Prozent würden der Union nur dann zustimmen, wenn gleichzeitig eine Fiskalunion eingeführt würde. Weitere 28 Prozent machen ihre Zustimmung davon abhängig, ob ein Haftungsausgleich ausgeschlossen wäre. „Es herrscht Unsicherheit darüber, was eine europäische Bankenunion letztlich für Folgen hätte“, kommentiert Wagner das Befragungsergebnis. „Die deutschen Banken fürchten Entscheidungen, die sie nicht nachvollziehen und auch nicht beeinflussen können.“


Download der Studie
Lesen Sie die Ergebnisse der Studie: http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/Bankenbarometer_Januar_2013/$FILE/Bankenbarometer%20Januar%202013.pdf