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In Deutschland fehlt Wagniskapital für Innovationen

NeueNachricht-Interview mit mp3-Erfinder Professor Brandenburg
Gunnar Sohn | 13.10.2008
Bonn, 13. Oktober 2008, www.ne-na.de - NeueNachricht: Herr Professor Brandenburg, warum können Erfindungen wie mp3 ganze Industrien umwälzen, während andere Patente oder Entwicklungen keine Auswirkungen auf die Märkte haben?

Professor Brandenburg: Beides liegt eng nebeneinander und es sind nicht unbedingt die besseren Dinge, die Anwendungen finden. Nicht nur die Idee zählt, sie muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort entstanden sein. Und man muss auf Ressourcen zurückgreifen können, um das Ganze weiter zu treiben. Unsere Chancen, mp3 umzusetzen, waren damals sehr gut, wir hatten einfach das richtige Team.

NeueNachricht: Gemäß einer Expertise von Microsoft sind fünf Punkte entscheidend, damit eine Erfindung zu Markterfolgen führt. Neben dem Erfinder selbst sollte eine Art Visionär auftreten, der das Marktpotenzial erkennt und die Erfindung konzeptionell in einen Marktzusammenhang einordnen kann. Im nächsten Schritt entwickeln Experten aus der Erfindung und dem Marktkonzept das eigentliche Produkt. Weiter ist der Marktpionier wichtig, der in der Lage ist, das neue Produkt so zu kommunizieren, dass Anbieter und Verbraucher den Produktnutzen nachvollziehen können. Und schließlich muss das Produkt kontinuierlich den sich entwickelnden Markterfordernissen angepasst werden. Wie beurteilen Sie diese Aspekte im Hinblick auf die mp3-Erfolgsstory?

Brandenburg: Ich stimme zu, dass dies alles erforderlich ist, auch wenn ich früher mal die Vision hatte, mich nur mit Punkt eins zu befassen. Unser Team am Fraunhofer-Institut in Erlangen hat damals die meisten Entwicklungsschritte in intensiver Arbeit selbst geleistet. Dazu zählt auch die Entscheidung, das Internet als Marketinginstrument zu nutzen, obwohl es noch nicht allgemein akzeptiert war. Wir haben 1993 mit AAC dann bereits eine zweite Generation der Audio-Codierung gestartet, als der Siegeszug von mp3 eigentlich noch gar nicht begonnen hatte.

NeueNachricht: In Ihren Interviews kritisieren Sie immer wieder, dass die Industrie Standardisierungen verhindert. Wie erklären Sie sich diese Widerstände?

Brandenburg: Für den kopiergeschützten Musikvertrieb ist auf Betreiben der Secure Digital Music Initiative kein technischer Standard zustande gekommen, denn die Mitglieder dieser Gruppe hatten offensichtlich die Vision, alles selbst leisten zu können. Die entstandene Zersplitterung hat dem Aufbau eines legalen Download-Business enorm geschadet. Eine anderes Problem ist, dass Unternehmen großartige Chancen einfach nicht erkennen.

NeueNachricht: Würden Sie zustimmen, dass Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen und soziales Talent demnach wichtiger für den Erfolg einer Neuerung sind als ihre technische Tiefe? Gebührt zum Beispiel Apple-Chef Steve Jobs der Ruhm dafür, dass man sich heute per Handy die Hits bestellen kann, die man gerade hören möchte?

Brandenburg: Steve Jobs hat Dinge, die es schon gab, richtig aufgenommen und besser verpackt. Das hat ihm und seiner Firma zu Recht einen großen Marktanteil eingebracht. Die Entwicklung, die Sie ansprachen, wurde vom iPod zwar beschleunigt, jedoch nicht ausgelöst. Meiner Ansicht nach ist die Lawine schon 1997 mit den Decoder-Chips angerollt, kurz bevor dann tatsächlich die ersten mp3-Player auf den Markt kamen. Schon Jahre vorher konnte man erkennen, dass durch den Fortschritt der Mikroelektronik immer billigere Speicher produziert würden, sodass Musik auf Halbleiterchips gespeichert werden konnte. Es ist weniger bekannt, dass es in Deutschland ab 1996/1997 den Music on Demand-Dienst der Deutschen Telekom gab, der die Titel über 128 Kbit ISDN-Kanäle auf den Computer nach Hause geschickt hat. Dieses System gab es zehn Jahre, es war der technische Vorläufer des kurzlebigen Systems der deutschen Musikindustrie. Es hat dann unter einem von den Labels diktierten, ungünstigsten, weil teuren Geschäftsmodell gelitten. Musik per Download darf eben nicht teurer sein als die Produkte in den Geschäften.

NeueNachricht: Zusammengefasst heißt das, dass Ihre Erfindung es überhaupt erst ermöglicht hat, Musik in Datenmengen zu konvertieren, die handhabbar sind. Marketiers und Produktspezialisten wie Apple und andere haben dann das Marktumfeld für diese Entwicklung geschaffen. Und mit den Geschäftsmodellen zusammen wurde erst ein Markt daraus?

Brandenburg: Ja.

NeueNachricht: Wenn Sie diese Systematik auf die Sprachtechnologie übertragen: Was fehlt dieser Technologie zu ihrer erfolgreichen Marktdurchdringung, die sie aus dem Nischendasein führt?

Brandenburg: Es ist einfach die fehlende Wahrnehmung. Ich selbst gehöre zu den Menschen, die das ganz simpel arbeitende Wordspotting zur Sprachwahl im Handy regelmäßig nutzt. Das hat nicht immer reibungslos funktioniert, aber all diese Technologien durchlaufen einen Verbesserungsprozess. Auch Spracherkennung wird irgendwann mit immer größeren Wörterbüchern im Hintergrund und durch die Verknüpfungen und semantischen Netze einfacher realisierbar sein. Anderes wiederum benötigt im Prinzip – wenn es ganz allgemein gelöst werden soll – doch so viel Informationsverarbeitung wie das menschliche Gehirn.

NeueNachricht: Und das ist nicht ohne Weiteres zu leisten.

Brandenburg: Einerseits das, andererseits frage ich mich: Wollen wir das? Entwicklungen laufen schrittweise ab. Auch das Wordspotting wird unabhängiger von den Sprechern und erfährt sein Training im laufenden Betrieb, sodass es irgendwann einen Triggerpunkt erreicht, an dem die große Verbreitung einsetzt. Als vergleichbar sehe ich zum Beispiel das hochauflösende Fernsehen und die Bildkommunikation an. Die Bildtelefonie begann mit teuren Geräten und schlechter Qualität. Heute verfüge ich über Bildschirme, Laptops und Handys mit integrierter Kamera, und es ist eine simple Funktion, den Gesprächspartner am Bildschirm zu sehen. Es wird einen Durchbruch zur allgemeinen Verfügbarkeit geben, aber niemand kann voraussehen, ob sich Bildtelefonie zum Normalfall entwickelt.

NeueNachricht: Würden Sie sagen, dass entscheidende Innovationen der Sprachtechnologie noch ausstehen, oder fehlt eher das entsprechende Marktumfeld?

Brandenburg: Ich denke, es ist wirklich eine Kombination beider Aspekte. Der Weg für breitere Anwendungen wird Stück für Stück geöffnet. Das geht nicht von heute auf morgen, aber irgendwann schaut man erneut hin und stellt eine wesentliche Weiterentwicklung fest.

NeueNachricht: Wenn Sie von Ihrem Klangfeldsynthese-Home-Entertainment-System sprechen, dann implizieren Sie auch Sprachfähigkeiten. In einem Interview haben Sie das so beschrieben, dass Sie der Anlage eines Tages sagen werden: „Heute Abend möchte ich ruhigen Jazz hören!“

Brandenburg: Das gehört meines Erachtens zum Nutzer-Interface dazu. Es ist die einfachste und natürlichste Art der Bedienung einer Anlage.

NeueNachricht: Als Interface kann oder wird die Sprachsteuerung eine Killerapplikation sein?

Brandenburg: Sie kann es sein, wenn sie die Kombination aus einfacher Nutzung und hoher Trefferquote bietet. Nochmal das Beispiel Handy, dem ich sagen kann, mit wem ich telefonieren möchte. Bei meinem jetzigen Gerät hat es etwa ein dreiviertel Jahr gedauert, bis ich einen ersten Fehlversuch hatte. Das ist wunderbar. Mit dem Modell zuvor habe ich im Durchschnitt zwei Versuche gebraucht, das war nicht akzeptabel.

NeueNachricht: Es wird vielfach behauptet, das Innovationsklima in Deutschland sei ungünstig. Wie ist Ihr Eindruck, und hat sich dieser seit 1986, als Sie das mp3-Format entwickelt haben, verändert? Ist es heute leichter geworden, eine Innovation zur Marktreife zu führen, und wie sehen Sie das im internationalen Vergleich?

Brandenburg: Es ist zwar leichter geworden, aber es ist immer noch schwierig. In den Anfangszeiten musste man quasi Haus und Hof verpfänden, um irgendwie an Geld zu kommen. In den USA ist laut entsprechenden Statistiken zehnmal so viel Wagniskapital vorhanden als in Deutschland. Vorbei sind natürlich die Zeiten des Internet-Bubbles, in der es fünf Millionen Dollar wert war, wenn man das Wort Internet richtig buchstabieren konnte, und wer noch drei weitere Stichworte dazugab, der bekam das Dreifache.

NeueNachricht: Hat es Sie nie gereizt, eine Firma zu gründen?

Brandenburg: Doch, hat es. Ich hatte jedoch damals kein konkretes Geschäftsmodell im Kopf und hätte somit keine Investoren überzeugen können. Heute gehöre ich zu den Leuten, die mit privaten Mitteln Start-ups finanziell fördern.

Professor Brandenburg ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie http://www.idmt.fraunhofer.de in Ilmenau (Thüringen)


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Über Gunnar Sohn

Gunnar Sohn ist Freiberufler und u.a. Wirtschaftspublizist, Buchautor, Blogger, Medienberater, Moderator und Kolumnist.