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Die Gutmenschenfalle

Der Klügere gibt nach? Dann regieren am Ende die Dummen die Welt. Was die Wissenschaft uns schon vor Jahren lieferte, um erfolgreich zu handeln.
Ulf D. Posé | 25.07.2015

Die Gutmenschenfalle

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, besagt ein Sprichwort.
Stimmt: Die gemeinsten Fallen sind jene, die man sich selber stellt. Doppelt schlimm freilich ist es, wenn man nicht einmal merkt, dass man hineintappt. Und das ist häufiger der Fall als wir denken. Wie aber vermeidet man, hineinzufallen? Indem man lernt, die eigenen Denk- und Wahrnehmungsmuster zu erkennen und zu hinterfragen.

Rolf steht im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse. Von hinten kommt eine Dame: „Junger Mann, Sie werden mich bestimmt vorlassen, ich habe doch nur drei kleine Teile.“ Rolf ist nicht einverstanden, vorlassen möchte er die Dame eigentlich nicht. Aber sie hat sich schon vor ihm eingeordnet und spricht die Frau vor ihm an. Es fallen die gleichen Worte, die Dame drängelt sich weiter vor. Rolf findet dies überhaupt nicht in Ordnung, aber beschweren will er sich nicht. „Ich benehme mich doch nicht daneben, nur weil ein anderer sich daneben benimmt“, findet er. „Man muss immer Vorbild sein“, denkt er. Irgendwann werden solche Leute wie die eilige Dame schon begreifen, dass das Zusammenleben nur dann funktioniert, wenn man selbst Vorbild in sozialer Verträglichkeit ist.
Hat Rolf Recht? Ist sein Vorgehen vorbildhaft? Die Antwort kann nur lauten: Nein, nein, und nochmals nein. Rolf hat nur Eines bewirkt: Die sich vordrängelnde Dame hat erreicht, was sie wollte. Sie hat von Rolf gelernt: Mit dem Vordrängeln behalte ich Recht.
„Wenn dich jemand auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm die rechte hin.“ Es gibt kaum einen größeren Unsinn, als zu erwarten, mit solch einer Vorgehensweise das Zusammenleben zu erleichtern. Denn was lernt der „Schläger“? Er kann mir auch auf die rechte Wange hauen, ohne eine Sanktion fürchten zu müssen. Ja, er kann sogar sicher sein, dass er auch die andere Wange angeboten bekommt. Das motiviert ihn nur,
nochmals zuzuschlagen.
Ich wundere mich immer wieder, wie inkonsequent wir sind, wenn Mitmenschen sich daneben benehmen. Wer am lautesten schreit, setzt sich durch. Wer seinem Egoismus frönt, bekommt auch noch Recht, da sich niemand dagegen wehrt. Dieses Duckmäusertum, das sich hinter dem moralischen Anspruch versteckt, durch sein Verhalten zu zeigen, was eigentlich richtig wäre, zeigt nur eines: Dass wir uns nicht recht trauen, den Dingen Einhalt zu gebieten, die einfach nicht in Ordnung sind. Das muss aufhören. Wir sollten lernen, uns angemessen gegen Unverschämtheiten zu wehren. Andererseits halten wir das Nachgeben durchaus für richtig. Wir wollen ein Vorbild sein. Das ist im Prinzip sicher richtig, es bedeutet jedoch nicht, sich widerstandslos den Unverschämtheiten der Mitmenschen auszuliefern. Wir sind kulturell darauf konditioniert, jederzeit nachzugeben – aber auch dort, wo das Nachgeben nicht sinnvoll ist. Wir geben ständig nach, und fühlen uns auch noch mies dabei. Damit sollten wir aufhören.
Mit anderen Menschen zu kooperieren macht Sinn, jedoch nicht immer. Genauer: Wir sollten nur dann mit anderen Menschen kooperieren, solange diese Kooperation von Erfolg gekrönt ist. Wann aber ist es richtig, zu kooperieren? Und wann ist es richtig, seine Kooperationsbemühungen einzustellen?
Nicht wenigen Menschen fällt es schwer, hier das rechte Maß zu finden. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, ja sogar wissenschaftlich untersucht. Was im menschlichen Umgang wann erfolgreich ist, wurde bereits vor 25 Jahren präzise analysiert. Schon damals haben Spieltheoretiker herausgefunden, nach welchen Regeln das soziale Miteinander sich am besten gestalten lässt. Schon in den siebziger Jahren fand Anatol Rappaport, Professor für Psychologie und Mathematik an der University of Toronto, mit ‚Tit for Tat’ die sozial erfolgreichste Art des Miteinanders heraus. Wir würden dies wohl übersetzen mit „Wie du mir, so ich dir“.
Tit for tat zeichnet sich dadurch aus, dass bei jeder ersten Begegnung zunächst einmal kooperiert wird. Danach richtet sich das Verhalten an der Art und Weise aus, wie der andere sich benimmt. Das erfolgreiche soziale Miteinander des Tit for tat beruht letztlich auf insgesamt drei Regeln. Die erste Regel besagt: „Beginne immer kooperativ“. Das
heisst: Wenn ich jemanden kennenlerne, dann biete ich ihm Hilfe und Unterstützung an. Ich warte nicht darauf, dass erst einmal der andere seine Kooperation anbietet. Es macht also Sinn, den neuen Nachbarn als Erster zu begrüßen und nicht darauf zu warten, dass „der Neue“ sich erst einmal selbst vorstellt.
Die zweite Regel erfolgreichen Miteinanders heißt: „Beantworte Kooperation immer mit Kooperation.“ Das meint: Wer mich unterstützt, darf immer darauf hoffen, dass ich dies ebenfalls tue. Es ist also falsch, seine Bemühungen erlahmen zu lassen, solange der Andere ebenfalls gut kooperiert. Das ist genau das, woran so manche Ehen scheitern. Denn es ist gefährlich, seine Bemühungen nur deswegen einzustellen, weil der andere sich anständig benimmt. Das heißt jedoch auch, dass derjenige, der im Umgang mit mir einen Fehler gemacht hat und diesen Fehler einsieht – und entstandenen Schaden wieder gut gemacht hat –, ebenfalls damit rechnen darf, dass ich wieder mit ihm kooperiere. Ich werde ihm also verzeihen. Nicht wenigen Menschen fällt gerade dies sehr schwer. Sie schmollen auf ewig. Dabei schaden sie sich damit selbst. Gib dem Anderen eine Chance, lasse zu, dass er sich wieder mit dir versöhnen kann!
Die dritte Regel besagt: „Beantworte Nicht-Kooperation immer mit Nicht-Kooperation.“ Ja, Sie haben richtig gelesen: Die Antwort auf Nicht-Kooperation lautet Nicht-kooperation. Damit ist nicht gemeint „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Sondern es meint: Höre auf zu kooperieren, wenn jemand sich daneben benimmt. Diese dritte Regel wird jedoch selten politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich eingehalten. Obwohl sich manche unserer Mitmenschen daneben benehmen, halten wir die Kooperation aufrecht. Wir
meinen, der andere würde durch unsere Vorbildfunktion lernen, dass seine Nicht-Kooperation falsch ist. Spieltheoretiker wissen, dass dies Unsinn ist. Denn wer sich daneben benimmt, lernt nur Eines: Er kommt mit seinen Schweinereien ungestraft davon.
Warum sind diese drei Regeln so erfolgreich? Dafür sprechen vier Gründe:

1. Ich bin freundlich. Dadurch, dass ich zu Beginn einer Begegnung stets meine Kooperation anbiete, wirke ich freundlich auf meine Mitmenschen. Das unterstützt das soziale Miteinander.

2. Ich bin jemand, der verzeihen kann. Die zweite Regel macht jedem deutlich, dass ich nicht auf ewig schmolle, sondern bei Einsicht eines Fehlers bereit bin, dem anderen zu verzeihen. Ich gebe somit jedem eine zweite und durchaus eine dritte Chance.

3. Ich bin wehrhaft. Wer mich über Ohr hauen will, wird sehr schnell begreifen, dass dies nicht klappt. Ich stelle meine Kooperation ein, wenn mich jemand über den Tisch ziehen will.

4. Ich bin berechenbar. Wenn ich diese drei Regeln konsequent lebe, dann weiß jeder, woran er bei mir ist. Das führt durchaus dazu, dass meine Mitmenschen nicht nur ein sehr klares Bild von mir haben werden, sondern sich auch sehr genau überlegen, wie sie mit mir umgehen müssen, damit wir miteinander klar kommen.

Es lohnt sich also von Spieltheoretikern zu lernen. Seien wir kooperativ und
wehrhaft zugleich. Das macht unser Leben ein wenig leichter. Viel Spaß
dabei.
Ihr Ulf D. Posé